Veröffentlicht am Kategorien 1. Bundesliga, 2022, Allgemein, Spieltag

Konkurrenz belebt das Geschäft

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(opa) Am Samstag holte Hertha in einem kämpferischen Spiel einen Punkt gegen kriselnde Leverkusener, die jedoch durchaus auch Gefahr entwickelten. Der Tabellenplatz der Werkself spiegelt nicht deren reale Qualität und Regalhöhe dar, daher dürfte jeder mit dem Punkt gut leben, wenn da nicht die als “umstritten” zu bezeichnende Situation gewesen wäre, in der der Schiedsrichter einen Handelfmeter verweigerte. Der VAR griff auch nicht ein, die Erklärungen habt ihr Euch hier schon gegeben, weshalb ich auf längere Regelausführungen an dieser Stelle verzichte und mich aufs Kommentieren beschränke.

Ich selbst bin weder ein Freund der heutigen Handspielregelauslegung noch des VAR, aber ich hab noch sehr genau die Worte derjenigen in den Ohren, die unbedingt den VAR wollten und dies mit größerer Gerechtigkeit begründeten. Im Stadion würden die in Situationen wie am Samstag wohl so etwas wenig zitierfähiges wie “Am Arsch die Waldfee” zu hören bekommen. Zweifelhafte Schirientscheidungen haben uns allein in dieser Saison schon gefühlt mindestens 4 Punkte gekostet, mit denen man Kontakt zum oberen Tabellendrittel hätte. Vom Konjunktiv kann man sich jedoch nichts kaufen – im Gegensatz zu dem einen oder anderen Schiedsrichter, der auffälligerweise in der Zweikampfbewertung im Zweifel gegen Hertha entscheidet. Wobei Hertha ja ohnehin kein herausragendes Standing in der Schiedsrichtergilde genießt.

Doch ohne Pfiff kein Kick und auch Schiris sind Menschen und fällen als solche bisweilen falsche Urteile. Die Linie, wie zu pfeifen ist, wird ohnehin von den Verbänden vorgegeben und wenn diese halt die Handspielregel so wachsweich auslegen, kommt eben genau dieser Käse heraus. Genau wie beim VAR. Wo da der Fortschritt liegen soll, bleibt mir weiterhin schleierhaft. Da scheint es mir fast fairer, im Zweifel zu würfeln, ob das nun ein Elfer sein soll oder nicht. Andererseits muss auch die Frage gestattet sein, was denn der Fußball ohne dieses enorme Empörungspotential wäre, bei dem selbst biedere Familienväter in Anwesenheit ihrer eigenen Kinder wenig vorbildlich das Aufknöpfen des Schiedsrichters an einem Berliner Wahrzeichen fordern und das irgendwie alle okay finden? Eben, er wäre langweiliger als der Ist-Zustand.

Problematisch ist so ein Verhalten weniger bei den Profis, viel schlimmer ist die Nichtvorbildfunktion für den Amateur- und Jugendfußball, wo sich Schiris ja auch regelmäßig Anfeindungen, Auseinandersetzungen und Pöbeleien ausgesetzt sehen und es kaum verwunderlich ist, dass es zu wenig Freiwillige gibt, die sich das antun wollen zu riskieren, sich im Ü35 Spiel einer griechischen gegen eine türkische Freizeitmannschaft die Kauleiste polieren zu lassen. Und es sind ja nicht nur heißblütige Südländer problematisch. Oder wie es mal ein Kabarettist ausdrückte: Früher kämpfte man ritterlich um eine Frau, heute niederträchtig um einen Parkplatz. So ändern sich die Zeiten.

Apropos Zeitenwende, ich erinnere mich auch, als eine zweite Berliner Mannschaft in die erste Liga aufstieg, dass nicht wenige der Meinung waren, dass das Hertha nach vorn bringen würde. Ein Blick auf die Tabelle in den letzten Jahren war da schon ernüchternd genug, aber diese Saison schaffen es die Köpenicker tatsächlich, als Spitzenreiter von der Tabellenspitze zu winken. Und haben sich das tatsächlich sportlich verdient, weil sie schlicht über Jahre mehr richtig als falsch gemacht haben. Das kann man neidlos anerkennen und die dennoch nicht mögen. Fußball hat da viele Spannungsfelder und je höher sie fliegen umso mehr können wir ihren Fall genießen, denn sportlicher Erfolg auf diesem Niveau ist ein flüchtiger Geselle und nicht allen am südöstlichen Stadtrand dürften die derzeitigen Ergebnisse geheuer sein.

Und so kann man sich ja immer über irgendwas aufregen. Einen Manager, den man für unfähig hält, einen Trainer, den man für blind hält und der seine eigenen Vorstellungen von Fußball und Aufstellung hat, einen Sitznachbarn im Stadion, der wahlweise zu viel meckert oder zu viel trinkt oder beides oder eben den virtuellen Fangenossen, der Themen kommentiert, die anderen nicht genehm sind. Bisweilen hilft es mir (wenn auch manchmal zwangsweise), etwas Abstand zum Fußball und zu unserem Blog zu haben und mich anderen Themen zuzuwenden, sei es ein gemeinnütziges Ehrenamt oder ein Spaziergang durch eine fremde Stadt, in der ich noch nicht war. Da ist dann plötzlich auch das Aufregerthema der letzten Tage irgendwie wie durch Watte gefiltert und man hat die Chance, sich ein wenig zu kalibrieren.

Am Freitag Abend schon geht’s bei den Mainzelmännchen in deren von der Stadt gemieteten Stadion auf dem Stoppelfeld unter Flutlicht weiter und man muss kein Prophet sein um zu wissen, dass es auch dort wieder umstrittene Schiedsrichterentscheidungen geben wird. Doch egal wie, unsere Hertha hat einen kleinen Lauf, man spielt durchaus guten Fußball, man ackert, fast alle zerreissen sich, man hilft sich gegenseitig und scheint einen Plan zu haben. Lasst uns diesen Zustand genießen, denn schon der “olle Joethe” wusste im Faust um die Flüchtigkeit von Glück:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Goethe in Faust 1

Mal schauen, wann wir aus Heines Romanzero die Stelle mit der Dirne und Frau Unglück zitieren müssen. Die altgedienten Herthaner wissen, was gemeint ist und außer einem Bildungsauftrag hab ich ja auch die vornehme Aufgabe, Euch Diskussionsstoff zur Verfügung zu stellen und ein wenig zu unterhalten. Daher enden wir heute auch nicht poetisch, sondern “proletisch”, denn die angeblich ach so netten Fans unseres Stadtrivalen skandierten schon im letzten Jahr in Anspielung auf die aktuelle Situation “Union spielt in Europa, die Hertha liegt im Bett”.

Gute Nacht, äh, HaHoHe, Euer Opa

P.S.: Ich soll der Gemeinde herzliche Grüße von kamikater ausrichten, der gerade das Krankenbett hüten muss. Warum er die nicht selbst schreibt, müsst ihr ihn aber selbst fragen 😉

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