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Des dreckige Dutzend

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(opa) Der Sieg am Freitagabend gegen Magdeburg tat nicht nur der Seele gut, sondern war auch Manifestation, dass derzeit bei Hertha die richtige Balance gefunden wurde, die es manchmal braucht, um erfolgreich durch eine Phase zu kommen. Die Einstellung stimmte wieder einmal, Hertha machte das Spiel und ließ sich auch von ärgerlichen Gegentreffern nicht entmutigen, den Stiefel runterzuspielen. Mit Leidenschaft, Willen und Qualität schaukelte man vor durchaus beeindruckender Kulisse die drei Punkte nach Hause und genoss die Tatsache, dass der Unterschiedsspieler unseres Teams wieder auf dem Platz steht und offensichtlich kaum zu bremsen ist in seinem Ehrgeiz.

Kaum jemand brennt so sehr für seine Aufgabe und der psychologische Effekt auf seine Mitspieler scheint enorm. Wenn Fabi auf dem Platz steht, wissen alle, dass da was geht. Seit er sich ins Offensivspiel einklinkt, wissen alle, dass man auch zweite Bälle erfolgreich verwerten kann, denn er steht da meist goldrichtig und er steht da nicht nur, er weiß auch mit dem Sportgerät umzugehen. Und niemand jubelt so enthusiastisch-authentisch wie er, das ist mitreißende, kindliche Freude über den Moment, wobei er sich bei Rückstand sofort den Ball schnappt statt zu jubeln, weil er gleich nochmal treffen und eine Portion Glückshormone empfangen, aber auch bereiten will. Und wenn einer seiner Mitspieler besser steht, ist er so uneitel und spielt denjenigen präzise an und setzt ihn in Szene.

Wenn man einen Idealtyp eines Mannschaftsspielers beschreiben müsste, Fabian Reese in der aktuellen Form wäre sehr, sehr nah an dieser Definition. Er überzeugt erst mit Leistung und redet dann, auch etwas, was ihn von so manchem Mitspieler unterscheidet, ein Unterschiedsspieler eben. Und nach dem letzten Spiel redete er über seinen Masterplan zur restlichen Saison:

„Mein Ziel für die restliche Saison? Zwölf Spiele, zwölf Siege! Lasst uns jetzt mal sieben Spiele gut hinlegen. Nun geht der Blick auf Braunschweig. Wenn wir gut arbeiten und viele Schritte machen, hören wir die Musik vielleicht noch einmal. Ich bin ein Träumer. Ich glaube da mit allem, was ich habe, dran.“

Fabian Reese im Interview nach dem Sieg über Magdeburg

Sechs Punkte zum Relegationsplatz, zehn Punkte zu einem direkten Aufstiegsplatz, wenn man sich von den Fesseln der harten Realität zu befreien vermag, gibt es doch noch Hoffnung auf ein “very happy end”, welches ja auch bedeuten würde, dass Reese bei uns verbleiben und uns dann im Oberhaus Freude bereiten würde. Und anders als im Film aus dem Jahr 1967 würden ja auch nicht alle bis auf einen bei der Himmelfahrtsmission ums Leben kommen, auch wenn Reeses Frisur mit der des überlebenden Charles Bronson in seinen wilden Filmen eine gewisse Ähnlichkeit hat. Wer Geschichte schreiben will, muss Dinge tun, die im Gedächtnis bleiben.

Im Gedächtnis bleibt auch, wie Schiedsrichter Exner die Unterbrechung durch die in allen Stadien des Landes derzeit stattfindenden Proteste handhabte. Da es ohnehin kurz vor der Pause war, zog er diese vor und lies das Spiel nach dem Kabinengang mit der Nachspielzeit der ersten Halbzeit und mit dem zu diesem Zeitpunkt gegebenen Eckball für die Magdeburger beginnen, bevor er vier Minuten später nach “Wiederanpfiff” zum Seitenwechsel pfiff. Die Fanproteste spalten ein wenig die Fans, der überwiegende Teil im Stadion scheint Verständnis für die Anliegen hinter den Protesten zu haben, die Art des Protests ist kreativ und gewaltlos und stört dennoch ausreichend, um wahrgenommen zu werden.

Allein die TV Anstalten werden sicher bei der DFL genügend Druck machen, dass so das Premiumprodukt nur schwer vermarktbar ist, dass es wohl Zugeständnisse geben wird, die unter merkwürdigsten Umständen stattgefundene Abstimmung zum umstrittenen Einstieg eines Investors bei der DFL noch einmal zu wiederholen. Einer der beiden Bieter ist ja zudem bereits ausgestiegen, was ohnehin die Statik der Verhandlungen trüben dürfte, in denen es um sehr, sehr viel Geld geht. Und da es bei dem Deal überaus fragwürdig ist, wie sich dieser unter den jetzt geplanten Rahmenbedingungen jemals rechnen soll, sollten die Vereine den Fans vielleicht eines Tages dankbar sein, dass sie mit Tennisbällen geworfen haben.

Wer Premier League möchte, kann ja schon heute dort das Unterhaltungsprogramm konsumieren und sich daran berauschen. Die mussten sich allerdings schon 2011 darauf beschränken, im eigenen Kader nicht mehr als 25 Spieler zu haben. Was dazu führte, dass sie dennoch halb Europa leerkauften und ihre “Assets” irgendwo parken mussten, sei es nun als Leihspieler oder sei es in wettbewerbsverzerrenden Farmteams. Seit dem Jahr 2000 setzt die Premier League rund doppelt so viel um wie die anderen Ligen, ein Abstand, den man nicht durch ein riskantes Milliardeninvestment wird aufholen können, wenn a) kein Plan dahintersteckt und b) das nicht nachhaltig angegangen wird.

Doch Milliarden von €, Pfund oder $ locken eben auch viele Glücksritter an, die dann aus eigenen Interessen vortragen, warum das alternativlos und weshalb der Deutsche Fußball dem sicheren Untergang geweiht sei, wenn man den Deal nicht eingeht. Gier frisst Hirn, das war schon bei der Tulpenspekulation so, das war am neuen Markt so (als man in einem Berg von Werbung stand, als man eine Zeitschrift öffnete) und das wird auch in Zukunft so sein. Die Kopfschmerzen des Katers von solchen Spekulationsblasen werden enorm, die wirtschaftlichen Folgen katastrophal. Egal ob Tennor oder Göttinger Gruppe, diese Formen von weitgehend verstandsbefreiten Investitionen sind nahezu immer toxisch.

Bei der Aufzählung von Investoren ruinierten oder beinahe ruinierten Vereinen dürften sich mehr als ein dreckiges Dutzend finden. Dann lieber ein ganzes Dutzend Reeses, auch gerade weil sein Trikot nach einem Spiel dreckig vom vielen Ackern ist.

HaHoHe, Euer Opa

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