(opa) An diesem Wochenende musste man sich der Frage zuwenden, was derzeit schmerzhafter ist, einem Spiel unseres Herzensvereins zuzuschauen oder der Mitgliederversammlung beizuwohnen. Nun ist Schmerzempfinden etwas sehr individuelles, während der Zartbesaitete bei einem Treffer im Gesicht wochenlang bandagiert krankgeschrieben ist, lacht der Eishockeyspieler vermutlich nur. Allerdings hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass Hertha weder Eishockey spielt noch dafür da sein sollte, anderen Menschen Schmerzen zu bereiten. Doch der Reihe nach.
Beginnen wir erst einmal mit der Spieltagsnachlese. Zu Gast im Olympiastadion waren die abstiegsgefährdeten Kieler Spatzen, während die Heimmannschaft durchaus etwas wiedergutzumachen gehabt hätte. Erstaunlich viele Zuschauer verfolgten bei bestem Wetter die Partie, die mal wieder aus einem Mix aus eigenem Unvermögen das Tor zu treffen und Verschaukeln durch den Unparteiischen zu einem Ergebnis führte, welches den Eindruck erweckt, Berlin sei eine gastfreundliche Stadt. Sind wir irgendwie ja auch, selbst wenn die Gäste sich bei uns wie offene Hose benehmen, weil das hier zudem kaum auffällt zwischen Nervigkeiten wie Bierbikes und Trabbitouren. Der Berliner ist da ja ziemlich resistent in Sachen Schmerz durch Zugereiste und atmet sicherheitshalber gleich durch den Mund.
Dabei begann das Spiel doch verheißungsvoll, nach wenigen Sekunden der Partie hatte der derzeit beinahe allein in Form befindliche Brekalo den Ball ins Tor genetzt, doch der Fußballgott hatte an dem Tag etwas gegen Hertha, denn das Tor wurde wegen einer Abseitsposition nicht gegeben. Und die erste Halbzeit endete nach echtem Chancenwucher wie sie begonnen hatte, der VAR pfiff einen Elfmeter zurück, weil 15 Sekunden und etöliche Spielsituationen vorher Zeefuik im Abseits gestanden haben soll. Wäre ich ein Fan des unseligen Videobeweises, würde ich mich ganz furchtbar schämen ob des Unsinns, den diese Regeländerung für die oberen Ligen mit sich brachte.
Die erste Halbzeit war ein Sinnbild der ganzen Saison. Man schafft es, eine halbwegs passable Halbzeit zu spielen, scheitert aber regelmäßig am eigenen Unvermögen, den Ball hinter die Linie zu bringen und falls doch, gibt es merkwürdige Entscheidungen der Schiris. Ein Ergebnis dieser Spielweise ist, dass man zwar permanent Hoffnung auf Besserung hat, allerdings dann jäh enttäuscht wird. Sehr verlässlich ist auch die Schläfrigkeit, mit der die Herthaner nach der Halbzeitansprache aus der Kabine kommen. Die erste gefährliche Situation gehört seit langem dem Gegner, was in etwa so verlässllich ist wie die schwachsinnige Finte, dem Gegner bei eigenem Anstoß den Ball zu überlassen.
Ein paar Chancen später bewies sich mal wieder die Fußballweisheit, dass wenn man die eigenen Chancen nicht reinmacht, dass man dann einen Treffer kassiert. Viel zu einfach überwand Kiel die Defensivreihen der Herthaner, mit dem ersten eigenen Angriff klingelte es im Kasten von Keeper Ernst. Und egal, was die Herthaner davor und danach anstellten, sie trafen das Tor trotz 23 Torschüssen nicht. Tiefpunkt war der als Wunderstürmer verpflichtete Kownacki, der allein vorm Tor stehend aus einem Meter Entfernung daneben köpfte. Dass man dieser Tage Gerüchte vernahm, dass Hertha an einer weiteren Verpflichtung des bislang geliehenen Spielers interessiert sei, kann einen nur fassungslos zurücklassen, denn wenn dies so käme, käme dies quasi einer Art Sabotage gleich.
Was uns nahtlos zur gestrigen Mitgliederversammlung führt. Nicht einmal 1000 Mitglieder fanden den Weg in den City Cube und das, obwohl das erste mal seit Jahren wieder die Mannschaft anwesend war. Neben üblicher Folklore wie der Totenehrung, bei der sich Teile der Mannschaft ob eines lustig wirkenden Namens eines der Verstorbenen wohl nicht ganz so professionell verhalten haben sollen, trat der sich als Pseudoheiland inszenierende Reese zähneknirschend vor das Mikro und drückte seine Enttäuschung über den Saisonverlauf aus und deutete zudem kryptisch an, dass auch er sich angesichts des verpassten Aufstiegs Gedanken über seinen Verbleib machen müsse.
Und beinahe muss man hoffen, dass er nächste Saison anderswo das Emblem auf dem Trikot küsst, weil das bedeuten würde, dass wir die finanzielle Last los wären, die seit seiner letzten vorzeitigen Vertragsverlängerung entstanden ist und die er in dieser Saison nicht mit sportlicher Leistung untermauert hat. Nun gibt es einige unter Euch, die permanent auf die Scorerwerte verweisen, wenn man sich die aber genau anschaut, wird man feststellen, dass er da nur wegen der Elfmetertore herausragt, rechnet man die raus, läuft Reese nicht nur dem eigenen Anspruch meilenweit hinterher. Und ein Model für die Sondertrikots findet man sicher auch günstiger, als den verschrobenen Spieler zu beschäftigen.
Dieses Sondertrikot sollte vermutlich ein Schmankerl für die Aufstiegsfeiern werden. Was den Herthakenner allerdings verwunderte: Statt Fahne pur gab es das große H aus der Zeit Anfang des letzten Jahrhunderts. Mit viel Engagement und Enthusiasmus hatte die aktive Fanszene dafür gekämpft, dass nur noch die Fahne pur das Vereinslogo sein sollte, man hatte dafür sogar extra die Satzung geändert. Und nun, ein paar Jahre nach der Übernahme der Macht im Verein durch eine Führung von Ultras Gnaden, wird dem “Pöbel” Fankleidung angeboten, die mindestens mal Fragen hinterlässt, zumal der Marketingdirektor ja auch eine prominente Vergangenheit in der Kurve hat.
Es scheint also nicht um Tradition zu gehen, nicht um ein Logo, sondern nur darum, wer es aufs T-Shirt klatscht und in wessen Taschen Geld fließt. DDR Vergleiche drängen sich auf, wie Christian Beeck es dieser Tage anlässlich der Posse um die Entlassung von Zeugwart Herzog andeutete. Auch wenn Dr. Görlich als verantwortlicher Geschäftsführer beteuerte, angeblich keine andere Wahl gehabt zu haben, drängen sich doch so viele Fragen auf, warum man so unsensibel und herzlos mit langjährigen Mitarbeitern umgeht, während man andererseits Verfehlungen anderer mit viel schwerwiegenderer Natur hat durchgehen lassen.
Überhaupt fiel Dr. Görlich eher durch Plattitüden auf, er wirkt wie ein Soufflé, nachdem man zu schnell die Ofentür aufgerissen hat. Heißer Dampf schlägt einem entgegen und mangels Substanz fällt das Backstück in sich zusammen, weil die heiße Luft entweicht. Zurück bleibt ein kümmerliches etwas, was man weder stolz präsentiert noch was wirklich genießbar ist. Von “brutaler Lust auf Erfolg” zu “Demut” dauerte es genau ein halbes Jahr. Und als wäre das nicht schlimm genug, wird das flankiert durch an Sabotageakte erinnernde “Konsequenzen”, indem man an Trainer und Sportdirektor festhält und sich obendrein an der festen Verpflichtung von Spielern interessiert zeigt, die das Tor nicht treffen.
Das alles wird flankiert von einem Präsidium, welches an eine Art Verweser erinnert, der sich sklavisch an der Überschrift des Vermächtnisses des verstorbenen Kay Bernstein klammert, ohne auch nur im Geringsten so etwas wie Zuversicht auszustrahlen, dass sich etwas bessert. Dass Hertha finanziell durch eine Rosskur muss, ist das eine, dann leistet man sich aber nicht einen überteuerten Kader und vor allem sortiert man dann Nichtleistungsbringer aus und belohnt sie nicht mit Zusagen, dass man an ihnen festhält oder sie gar fest verpflichten will, egal ob auf der Trainerbank, im Management oder auf dem Platz.
Man vehökert stattdessen Jahr für Jahr die letzten Werte, um das eigene Missmanagement noch ein paar Jahre fortsetzen zu können. Hertha stirbt einen Tod auf Raten. Das zeigt sich auch in den mittlerweile stagnierenden Mitgliederzahlen. Dass überhaupt noch 60.000 Mitglieder da sind, ist ein Wunder, wobei niemand die Seriosität dieser Zahl überprüfen kann. Auf Fragen, wie viele davon überhaupt Beiträge zahlen und wie viele stimmberechtigt sind, weicht Hertha aus wie ein Pudding, den man an die Wand zu nageln gedenkt.
Klar ist nur, dass auch das Geld des e.V. nach eigener Aussage auf der letzten Mitgliederversammlung nicht nur dafür verwendet wurde, wofür man es versprochen hatte, nämlich die Nachwuchsarbeit. Stattdessen wurde es wohl auch für Mitgliederrabatte für Merchandising und Ticketing verrechnet. Dass sich dafür noch niemand bei den Strafverfolgungsbehörden interessiert, grenz fast an ein Wunder, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Gleiches gilt übrigens auch für die nach gestriger Aussage immer noch laufenden Verhandlungen mit der Liga in Sachen Punktabzug. Hier will man ernsthaft eine Konstruktion absegnen lassen, fehlendes Eigenkapital durch einen weiteren Kredit zu finanzieren (was letztlich bedeutet, das Eigenkapital noch negativer werden zu lassen).
Es dürfte kaum wundern, wenn in den nächsten Tagen die Liga verkündet, dass Hertha doch mit Punktabzug in die neue Saison startet. Und da Präsident Drescher Hertha ja gestern als etablierten Zweitligisten darstellte, sei daran erinnert, dass vor dem gestrigen Spieltag zwischen Platz 10 und Platz 17 gerade einmal 5 Punkte lagen. Ein sportliches Ergebnis im Mittelfeld (und mehr darf wohl nächste Saison nicht erwartet werden) könnte somit dennoch den Abstieg bedeuten. Sofern man denn noch eine Lizenz für die 3. Liga bekäme. Hertha würde so wenigstens als abschreckendes Beispiel dienen können, was passiert, wenn organisierte Fanszene die operative und strategische Macht in einem Fußballverein übernehmen.
Viele in meinem Umfeld werden in der kommenden Saison auf ihre Dauerkarte verzichten, kaum jemand kauft sich noch ein Trikot oder sonstigen Merchandise und die Zahl derer, die zu einem gemeinsamen Anschauen der Herthaspiele im Fernsehen erscheinen, wird auch geringer. Für einen Fußballclub, dessen Wert vor allem in der Emotionalität liegt, Menschen dazu zu bringen, etwas total irrationales zu tun wie T-Shirts aller Art zu kaufen oder Bier aus dem Zahnputzbecher zu trinken, ist das ziemlich sicher der Weg in den Bankrott. Und natürlich gibt es auch bei Hertha wie bei Tasmania, TeBe, Viktoria oder Blauweiß einen harten Kern, der das auch in den Niederungen des Regional- oder Lokalfußballs verfolgen wird. Man wird die längst erkaltete Asche der Vergangenheit anbeten und eine Art Totenkult betreiben. Immerhin dann mangels Schmerzen ohne Schmerztherapie.
HaHoHe, Euer Opa