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Circus Sarrasani?

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(opa) Gestern kam die erlösende Meldung, dass Hertha die Lizenz für die kommende Spielzeit erhält und auch nicht mit Punktabzug bestraft wird. Das ist eine gute Nachricht, während sie gleichzeitig Anlass zur Sorge ist, denn wenn die Erfüllung von vertraglich vereinbarten Pflichten der Gesellschafter

a) als Erfolgsmeldung verbreitet und
b) die Voraussetzung zum Erhalt einer Lizenz ohne Punktabzug ist,

sollte höchste Anspannung herrschen, weil das eindeutige Zeichen dafür sind, dass die Kacke sichtbar dampft. Es sollte nicht verwundern, wenn Hertha gegenüber dem Gesellschafter mit einem Insolvenzverfahren für den Fall drohen musste, falls man seitens A-Cap kein Geld nachschießt.

Man entfernt sich immer weiter von dem Plan, sich finanziell zu konsolidieren oder so seriös zu wirtschaften, dass man mit dem durchaus immer noch üppig fließenden Geld auskommt. Stattdessen wird weiter Geld verbrannt, ohne, dass Verbindlichkeiten abnehmen. Seitens der Fans bestünde m.E. die Bereitschaft, eine jahrelange Rosskur mitzumachen, aber dafür müsste etwas anderes praktiziert und vorgelebt werden als es wird. So lange man sich einen Pseudo-Heiland wie Reese leistet und vom Saisonziel Wiederaufstieg faselt, um überproportionale Ausgaben zu rechtfertigen, so lange muss man sich auch über entsprechende Erwartungen nicht wundern, die in Enttäuschung umschlagen, wenn das Saisonziel verfehlt wird.

Da hilft es dann auch wenig, dass Geschäftsführer Görlich im Interview von Demut spricht, gleichzeitig aber die Erwartungshaltung formuliert, dass die primär von anderen praktiziert zu werden hat. So geht die Fahrt also weiter, ohne dass das Personal ausgetauscht oder sonstwie Konsequenzen gezogen werden. Wenn ein Zirkus kein Geld mehr für die Weiterreise hat, wird weiter auf der Wiese campiert, auf der man gerade haust und die Plakate mit “wegen des großen Erfolgs verlängert” ergänzt. Meist geht dies mit deutlich sinkenden Zuschauermassen einher, weshalb es auch nicht wundern sollte, wenn die ersten Fans kommende Saison mit den Füßen abstimmen, indem sie z.B. ihre Dauerkarte nicht verlängern.

Sowohl Zirkusdirektor als auch Intendanz und Regie bleiben unverändert, obwohl man doch recht krachend an den Saisonzielen gescheitert ist. Trainer Leitl hatte nach dem Spiel recht schnell eine Analyse zur Hand, indem er die Öffentlichkeit wissen ließ, dass der Aufstieg wegen der angeblich vielen roten Karten versäumt worden wäre. Die haben bestimmt die vielen Verletzten verursacht, die Anfang der Saison bessere Ergebnisse verhindert haben, obwohl dadurch und vermutlich wirklich nur dadurch Leitl gezwungen war, das Schicksal des Vereins und auch seins in die Hände eines 16jährigen Talents zu legen, der nun ebenso Teil des Rettungspakets wird, indem seine unerwartet üppige Ablöse ein weiteres Jahr “Circus Sarrasani” finanzieren muss.

Nächste Saison wird man dann im Frühjahr vermutlich wieder um die Lizenz bangen und wenn man Glück hat, nicht abstiegsgefährdet sein. Und man darf gespannt sein, welchen Grund für die sportliche Situation dann Trainer Leitl vorträgt, Sternenkonstellationen, Omen oder ausgependelte Energiefelder würden sich sowohl nahelliegend anbieten als auch nahtlos in das einreihen, was er am Sonntag von sich gegeben hat. Nun mag es ehrenhaft sein, dass er sich öffentlich vor sein Team stellt, aber wenn er intern auch so spricht, wäre ein Teil des Rätsels entschlüsselt, weshalb das Team nach den Halbzeitpausen schläfrig aus den Katakomben kriecht wie die Armee der Zombies in schlechten Horrorfilmen.

Ein solches Schauspiel war auch die zweite Halbzeit in Braunschweig. Hatte Hertha in Halbzeit eins das Spiel ziemlich klar im Griff und dominierte die Braunschweiger über weite Teile der ersten 45 Minuten, ohne allerdings den Deckel draufzumachen, weil man Chance um Chance kläglich vergab, so sehr schaltete man in der zweiten Hälfte auf verwaltenden Beamtenfußball um, der den Gegner stark machte und vermutlich auch einer der Gründe war, weshalb Eichhorn in der 74. Minute gezwungen war, etwas rustikaler in einen Zweikampf zu gehen, für den er nach Eingriff des VAR glatt rot sah. Regeltechnisch vertretbar, aber wieder einmal keine Werbung für den bei vielen Fans ungeliebten VAR.

Und so schnürte Braunschweig die Berliner vor ihrem Strafraum ein, bis dann in der 78. Minute der durchaus verdiente Ausgleichstreffer fiel. Dass Trainer Leitl mal wieder (zu?) spät und vor allem “merkwürdig” wechselte und die durchaus vorhandene defensive Ordnung auseinanderriss, war sicher nicht hilfreich und führte dazu, dass Hertha sich in Unterzahl nur noch gegen den Siegtreffer wehrte, aber handlungsunfähig war, Entlastung durch eigenen Angriff vorzutragen. Wer sich an Dardaifußball erinnerte, dürfte nicht ganz falsch gelegen haben.

Dass Reeses auffälligste und ergebnisreichste Aktion wieder ein zudem nur im Nachschuss verwandelter Elfmeter war, mag die Statistikfreaks freuen, es entwertet aber seine Scorerbilanz deutlich, denn 4 der 10 Tore hat er per Elfmeter erzielt, was bereinigt gerade einmal nur noch für Platz 5 der ohnehin kaum aussagekräftigen Scorertabelle reichen würde und obendrein noch meilenweit von den 32 Scorerpunkten des legendären Ronny in der Aufstiegssaison 12/13 entfernt liegt. Ansonsten fiel Reese mal wieder eher durch Langsamkeit und Anschnauzen der eigenen Mitspieler denn durch gute Aktionen auf. Sein Unterhaltungswert mitsamt “Schminke” und der Tatsache, dass er vor Pflichtspielen in die Maske bzw. zum Friseur muss, würde aber gut zum Circus Sarrasani passen.

Vermisst wurde der rotgesperrte Brekalo, der aber vielleicht ganz froh war, mit dem Niedergang nichts zu tun zu haben, der in den letzten beiden Spielen seit seiner Rotsperre zu beobachten war. Der wieder am Spiel teilnehmende Cuisance konnte nicht einmal ansatzweise den Spieler ersetzen, den das Herthascouting gar nicht auf dem Schirm hatte und der nur deshalb für Hertha aufläuft, weil er sich selbst ins Gespräch brachte. Sicher auch einer der vielen Gründe, weshalb man personelle Veränderungen im Scouting verkündet hat.

Nur wird Hertha durch ein weiteres Jahr 2. Liga und obendrein Ankündigungen, dass wirklich kein Geld da ist, nicht attraktiver, weder für Gastspiele von Spielern noch für die Zuschauer, diese Saison kamen bislang im Schnitt schon 5000 Zuschauer weniger als in der Saison zuvor, berücksichtigt man die Tatsache, dass es sogar doppelt so viele ausverkaufte Spiele gab wie in der Vorsaison, dürfte das bereinigt sogar noch dramatischer sein und diesen Trend wird man mit all dem, was man derzeit bei Hertha tut und kommuniziert, kaum umdrehen können.

2016 meldete der Circus Sarrasani übrigens nach über 100jährigem Bestehen Insolvenz an, vorrangig u.a. wegen fehlender Zuschauer. Möge unserem Herzensverein dieses Schicksal erspart bleiben, wobei es ja auch immer ein Leben danach gibt. Die neugegründete Sarrasani Event GmbH setzt in seinem aktuellen Dinnershowprogramm übrigens auf Illusionismus, eine Kunst, die Hertha glänzend beherrscht, insbesondere gegenüber Investoren, denen man knapp eine halbe Milliarde weggezaubert hat. So wie man jetzt die Zuschauer wegzaubert.

HaHoHe ohne Netz und doppelten Boden, Euer Opa

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