Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2026, Allgemein, Spieltagsnachlese, Trainingslager

Nicht Fisch, nicht Fleisch?

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(opa) Nach zwei Wochen Urlaub in der warmen Sonne Südostasiens melde ich mich mit der Spieltagsnachlese des gestrigen Freundschaftsspiels gegen den Karlsruher SC zurück. Während auf den Rängen die jahrzehntealte Fanfreundschaft gefeiert wurde, gab es auf dem Rasen Zweitligatristesse zu beobachten, die in der Retrospektive überwiegend aus Fehlpässen, haarsträubenden Fehlern in der Defensive, einem riesig klaffenden Loch im Mittelfeld und offensiven Unzulänglichkeiten bestand. Wer diesem Spiel etwas positives abgewinnen möchte, kann sich sicher daran zu wärmen versuchen, dass Hertha zweimal nach Rückstand zurückkam, das Feuer ist aber übersichtlich groß und dürfte den selbstgesteckten Zielen überhaupt nicht gerecht werden.

Trainer Leitl hatte die Herausforderung zu lösen, den Ausfall des Jahrhunderttalents Eichhorn kompensieren zu müssen. Gemessen an dieser Aufgabenstellung kann man zwar sagen, dass es schlimmer hätte kommen können, aber im Grunde genommen muss man diese Aufgabe als gescheitert betrachten. Weder defensiv noch offensiv war die Lücke zu schließen. Eichhorn fehlte im Spielaufbau als Scharnierspieler, er fehlte beim Nachrücken für zweite Bälle, er fehlte beim Anlaufen des Gegners, er fehlte einfach überall. Dass die ansonsten durchaus kostspielige Truppe den Ausfall eines 16jährigen nicht ausgleichen kann, ist ein deutliches Zeichen, einerseits dafür, was für ein Talent der junge Mann aus dem eigenen Nachwuchs ist, andererseits dafür, wie unausgegoren der Kader zusammengestellt ist.

Nun ist der verletzungsbedingte Ausfall eines Spielers Alltag in Fußballmannschaften und es ist sicher keine arg übertriebene Erwartungshaltung, dass gut bezahlte Funktionäre dafür Plan B, C und D in der Hinterhand haben. Wenn das, was gestern zu sehen war, allerdings Plan B sein sollte, dann sollte es uns vor Plan C und D grauen. Zwei Punkte aus zwei Sechspunktespielen sind schlichtweg zu wenig, wenn man weiterhin am Saisonziel festhalten will, was mit jedem Punktverlust ein Stück weiter aus der greifbaren Entfernung rückt. Noch ist nichts verloren, aber solche Big Points darf man nicht liegen lassen. Der KSC war keine Übermannschaft, er hat einfach nur das Unvermögen von Hertha eiskalt ausgenutzt.

Das Gesicht bzw. die Frisur dieser Niederlage war wieder einmal an Kapitän Reese festzumachen, der zwar zweimal auflegte und sein offensives Soll zumindest nominal erfüllte, sich dabei aber wieder einmal mit Mätzchen rund um seine Haarpracht in den Mittelpunkt stellte. Den Eckball zum 2:1 der Karlsruher legte er auf und während der Rest des Teams dem Sonntagsschuss staunend zuschaute, richtete er sich das beim Kopfball verrückte Haarband, aus dem zwei albern wirkende Zöpfchen hervorragten. Wer sich als selbsternannter Leader mit seiner Frisur mehr beschäftigt als mit der mangelhaften Defensivleistung des gesamten Teams, muss sich dieser harten Kritik stellen, dass er schlicht nicht zu 100 % bei der Sache ist.

Da hilft auch die Statistik nichts, zumal er es seit Monaten kaum schafft, im Laufduell an seinen Gegenspielern vorbeizukommen. Etwas, was er kurz vor der letzten Vertragsverlängerung brilliant exerzierte und von dem sich einige Funktionäre und Entscheidungsträger blenden ließen. Am Ende steht man bestenfalls mit einem großen und vor allem sehr teuren Missverständnis und vor allem mit leeren Händen da.

Denn wenn der Aufstieg nicht gelingen sollte, wird es vermutlich auch kaum einen ernsthaft interessanten Abnehmer für den Spieler geben, den wir uns ein weiteres Zweitligajahr kaum werden leisten können, zumal es ja auch im Mannschaftsgefüge Schäden hinterlässt, wenn da einer gehaltstechnisch herausragt, ohne adäquate Leistung zu erbringen oder seine Mitspieler wachsen zu lassen. Reese hat es sich in der Komfortzone gemütlich gemacht und seine Beteuerungen, im Aufstieg von Hertha sein Lebensziel zu betrachten, wirken von Woche zu Woche eher wie PR Stanzen denn überzeugend angesichts seiner eher mittelmäßigen Leistungen auf dem Rasen.

Der Rest des Teams versteckte sich ansonsten irgendwie hinter den Mitspielern, kein einziger ragte wirklich hervor, positiv schon einmal gar nicht. Schuler hatte zwei hundertprozentige Chancen auf dem Fuß, mit denen er so umging, als wolle er demonstrieren, warum er eben bei Hertha spielt und nicht bei einem richtigen Verein. Mit einer Abschlusstechnik, wie man sie Woche für Woche auf den Amateurplätzen des Landes bewundern kann, versemmelte er gleich zweimal zum Haare raufen den möglichen Sieg. Der Rest fiel vor allem durch schlampige Pässe kniehoch in die Hacken oder durch lausiges Stellungsspiel auf, dass man sich fragte, aus welchem Grund man ein Trainingslager veranstaltet hat und vor allem, was man da getan hat außer die Sonne zu genießen.

Hertha gibt weiterhin für zu wenig Tabellenplatz viel zu viel Geld aus. Das Ende wird ein Platz im vorderen Mittelfeld sein, womit man zwar den Klassenerhalt sicherstellen dürfte, aber für den Aufstieg reichen die Leistungen so schlicht nicht und es ist kaum absehbar, dass man etwas daran ändert, denn auch die Entscheidungsträger scheinen es sich mehr in der Komfortzone bequem gemacht zu haben denn dass man sich zu Änderungen durchringen kann. So wird der Verein weiter und tiefer ins Grau der zweiten Liga gewurstelt, denn als Phoenix aus der Asche zu entstehen. Dass ein Großteil der Fans das weiterhin überwiegend unkritisch begleitet, trägt zum toxischen Mix des als vermeintliche Konsolidierung getarnten Untergangs eher bei als dass es dem Verein nützt.

Alle tragen gemeinsam Verantwortung für den derzeitigen Zustand des Siechtums, die einen vergleichsweise gut bezahlt, die anderen ausschließlich leidend. Und während man als Überbringer dieser schlechten Nachricht erwartbare Prügel kassieren wird, werden in der Hanns-Braun-Straße weiße Stirnbänder gewaschen und die nächsten Zöpfchen geflochten. Prioritätensetzung war selten so wichtig wie in dieser entscheidenden Phase der Saison. Und selten haben diejenigen, die diese Prioritäten setzen müssten, unverhohlener mit beiden Mittelfingern gezeigt, was sie von dieser Erwartungshaltung in Wahrheit halten.

Und so wursteln wir und im Mittelfeld fest, die einen werden das als Zeichen der Konsolidierung feiern, ohne zu verstehen, dass sie es sind, die dem Verein ein Klima der leistungsarmen Ambitionslosigkeit erlauben, in welchem Spiele wie das gestrige möglich sind. Auch nach urlaubsbedingt knapp 10.000 km Abstand stelle ich zunehmend fest, wie sehr ich mich danach sehne, bald nur noch mit dem seligen Wilson auf der Bank zu sitzen und Enten füttern zu dürfen. Oder die Warane im Stadtpark von Bangkok, der heißesten Stadt der Welt, in der gerade Winter ist und es dort trotzdem unangenehm schwüle 30° sind, dass man sich nach der Kälte des Berliner Winters zurücksehnt.

Bangkok machte das Abschied nehmen vom ansonsten zauberhaften Thailands sehr einfach, wo mich vor allem der Norden und das dortige Chiang Mai mit seinen über 300 Tempeln bezuckert hat. So, wie Bangkok es einem einfach macht, Abschied zu nehmen, sollten Spiele wie das gestrige es einfach machen, von Hertha Abstand nehmen zu wollen. Wobei die Gemütslage derzeit mehr Lust darauf macht, wieder nach Thailand zu fliegen als nochmal so ein Spiel sehen zu müssen wie das gestrige. Auch wenn bei den in Thailand dargebotenen Speisen der unzähligen Garküchen nicht immer klar ist, was Fisch oder was Fleisch ist und es auch besser ist, wenn man das nicht so genau hinterfragt. Vielleicht sollte man Hertha als so eine Art Pad Thai betrachten, wo man eben das serviert bekommt, was irgendwie weg musste.

Wenn es dann nur ein paar Bath kosten würde, wäre das halb so schlimm, doch Hertha berechnet getarnt als Bettelmönch einem dafür ja Premium-Luxus-Steakhouse Preise, wobei wohl bei Hertha niemand mehr an ein besseres Morgen geschweige denn ein besseres nächstes Leben nach der Wiedergeburt glauben mag. Aber wenn man von den buddhistischen Mönchen etwas lernen kann, dann dass Glück durch die Abwesenheit von Bedürfnissen entstehen kann. Vielleicht sollte ich diesen Ansatz mal probieren, dann ertrage ich auch die Zöpfchen vielleicht etwas langmutiger.

HaHoHe, Euer Opa

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