(opa) Trotz des Unentschiedens am Freitag hat Hertha immer noch den besten Saisonstart seit Einführung des Farbfernsehens (oder Erfindung des Rades?) hingelegt. Sofern zwischenzeitlich Groll aufgekommen war, dürfte sich dieser mittlerweile gelegt haben, zumal auch die Tabellennachbarn Federn lassen mussten. Dennoch tut man gut daran, die letzten beiden Spiele als Weckruf zu verstehen. Auch wenn 22 Punkte nach 8 Spielen ein echtes Brett sind, kann man sich darauf nicht ausruhen, dafür ist der Wettbewerb zu eng und das Polster zu dünn. Gleichzeitig scheint sich aber wieder ein altbekannter Schlendrian einzuschleichen, der längst überwunden schien. Doch der Reihe nach. Bzw. von hinten nach vorn, bevor wir dann zur Seite gehen.
Torhüter Gersbeck liefert im Rahmen der Erwartungen ab. Er hat unzweifelhaft Stärken wie das Herauslaufen oder die Spieleröffnung, bisweilen aber schleichen sich Fehler ein, die den insgesamt soliden Eindruck trüben. Er ist im besten Fußballeralter und ein sicherer Rückhalt fürs Team, die Zusammenarbeit mit den Vorderleuten scheint meist gut zu klappen. Das ist zumindest derzeit nicht die größte Baustelle, auch wenn immer wieder mal Diskussionen um den Prügelskandal aufkommen, was unvermeidbar scheint. Auch vor dem Hintergrund der Maßstäbe, nach denen andere Mitarbeiter entlassen wurden wie der ehemalige Zeugwart Herzog, der für einen Bagatellschaden die fristlose Kündigung bekam. Freuen wir uns, dass es sportlich im Tor zu passen scheint.
Die Innenverteidigung mit Gechter und Kolbe ist ein echtes Brett. Wenn überhaupt noch einer durchkommt, zerschellt er spätestens an den beiden, die sich ansonsten aber durch gute und schnelle Spieleröffnung und eine gute Bindung zu Neben- und Vorderleuten auszeichnen. Sofern Trainer Leitl nicht auf die aberwitzige Idee kommt (oder dazu angewiesen wird), dieses Duo auseinanderzureißen, wenn Dardai wieder fit sein sollte, können wir uns in Sachen Defensive entspannt zurücklehnen, was im Übrigen auch mit den Kollegen davor und daneben zu tun hat.
Die Außenverteidigung schien vor der Saison eine der größten Baustellen zu sein. Eitschberger haben viele nicht zugetraut, so ein Pfundsaußenverteidiger zu sein. Derzeit dürfte es für Außenbahnspieler wohl kaum einen unangenehmeren Gegenspieler geben. Bissig, konsequent, mit gutem Stellungsspiel und einem guten Auge für die Spieleröffnung geht er zu Werke. Bisweilen macht es den Eindruck, als ob Trainer Leitl ihm nicht über den Weg traut, wenn er ihn rausnimmt und Zeefuik nach rechts rotieren lässt. So schafft man kaum Werte, auch wenn es an Zeefuiks Einstellung nichts zu kritisieren gibt, sind seine spielerischen Qualitäten doch offensichtlich eingeschränkt. Im Gegensatz zu Pedersen, der ein echtes Upgrade darstellt, defensiv stabil steht und offensiv positiv auffällt.
Das derzeitige Sahnestück ist aber die Stabilität im defensiven Mittelfeld. Sessa hat einen riesigen Leistungssprung hingelegt und wirbelt als 8er offensiv mit und verwertet zweite Bälle, während Seguin abgeklärt dahinter absichert und Druck von der 4er Kette nimmt. Die beiden harmonieren gut. Klar ist keiner von ihnen ein Maza oder Eichhorn, aber das war auch nie die Erwartungshaltung an sie.
Kommen wir zur Offensivabteilung, die vom tadellosen Kapitän Brekalo geführt wird, der ein gutes Auge für besser postierte Mitspieler hat und unglaublich mannschaftsdienlich spielt. Auch das Zusammenspiel mit Pedersen, der ihn im Rücken gern mal überläuft und damit Räume schafft, wäre unter seinem Vorgänger undenkbar gewesen. Adewumi weiß auch zu gefallen, wenngleich er dagegen etwas abfällt und nicht immer richtig steht, was aber daran liegen könnte, dass er mal links, mal rechts und mal zentral spielen muss, je nachdem, was sich der Trainer ausgedacht hat. Thorsteinsson haben wir die ersten 6 Spiele vielleicht etwas zu viel gelobt, denn nach der Länderspielpause ist er eher „Flasche leer“ bis hin zur Unsichtbarkeit. Im Spiel gegen Kiel hatte er gefühlt den ersten relevanten Ballkontakt in Minute 70 kurz vor seiner Auswechslung. Auch hier ein vom Trainer verursachtes Aufstellungsproblem?
Kommen wir zum Sorgenkind, der Sturmabteilung. Egal ob Grönning, Schuler oder Nilsson, keiner von denen hat in den letzten 6 Spielen getroffen. Jetzt könnte man sagen, dass Einzelstürmer, die als Wandstürmer agieren sollen, bisweilen schlecht aussehen, darunter haben hier auch Spieler wie Selke, Ramos oder Wagner leiden müssen. Aber derzeit gibt es genügend Vorlagen und Chancen. Wenn man allein vorm Tor den Ball 8 Meter drüber schießt, lag es nicht an den Vorlagen. Hertha kommt schon ausreichend oft in die rote Zone, aber die Klingel scheint kaputt. Dass Nilsson erneut verletzt ist und ausfällt, ist maximal ärgerlich, denn er ist nur geliehen und wird am Saisonende gehen. Da ist nichts mit Abwarten. Und warum Hildebrand keine Chance bekommt, der im Sommer doch so hoch gelobt wurde, weiß auch nur Trainer Leitl. Schlechter als Grönning und Schuler kann er es allerdings auch nicht machen.
Insofern bleibt eine Sorgenposition die des Trainers. Merkwürdige Rochaden, sehr späte und nicht selten wenig nachvollziehbare Wechsel und eine Leistungskurve, die nach anfänglicher Überperformance schlechter wird, sind keine guten Vorzeichen, weder für den weiteren Saisonverlauf noch für die anstehenden Vertragsgespräche, denn Leitls Vertrag läuft zum Saisonende aus. Auch scheint unerklärlich, warum die anfangs der Saison deutlich verbesserten Standards plötzlich wieder schlecht sind. Hat man das vom Trainingsplan gestrichen? Oder steckt dahinter vielleicht ein Motivationsproblem? Vielleicht, weil doch nicht immer nach Leistung aufgestellt wird? Und ist das nur eine Sache des Trainers oder mischen sich da noch andere mit ein?
Viele Fragezeichen und wenig Zeit etwas zu ändern, denn schon am Samstag rücken die Ostwestfalen aus Bielefeld an. Es wäre gut, wenn Hertha dann wieder in Tritt käme und in die Erfolgsspur zurück fände. Noch reicht das Polster, um sich einen Ausrutscher zu leisten, aber darauf kann man sich nicht ausruhen. Und vor allem: Man kann es besser. Wenn wir das Moment verlieren, geht es von da, wo wir jetzt stehen, leider nur in eine Richtung und die gerade entstandene Blüte der Hoffnung würde brutal zertrampelt. Immerhin gibt es zarte Hoffnung, dass es wieder etwas zu meckern gibt.
HaHoHe, Euer Opa