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Tabellenführer im Büßerhemd

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(opa) Vier Spiele, vier Siege (mit Pokal sogar jeweils 5), 12 Punkte, 6 Tore Tordifferenz, was für ein Saisonauftakt, den so nach der eher verkorksten Vorsaison und der anschließenden Verkaufsorgie wohl niemand erwartet hätte. Fast möchte man Schillers Ode an die Freude anstimmen, so süß fühlt sich der Blick auf die Tabelle an. Doch gibt es reichlich gute Gründe, nicht allzu euphorisch zu werden, denn längst ist nicht alles gold, was glänzt. Abseits der reinen Ergebnissbetrachtung wird man feststellen, dass einige der Erfolge am seidenen Faden hingen und es gerade noch einmal so gut ging, dass man glauben könne, der Fußballgott meine es mit Hertha mal für einen Moment gut.

Und als Herthaner muss man so einen Moment auch mal genießen, immerhin kann man am Horizont ahnen, wie sich so ein Wiederaufstieg anfühlen könnte. Ganz langsam kehren auch einige von denen zurück, die sich nach dem Abstieg und den trostlosen Zweitligasaisons andere Freizeitbeschäftigungen gesucht haben, wobei selbsternannte Entenfütterer damit ausdrücklich nicht gemeint sind. Und genau deshalb ist zu viel Euphorie manchmal eben auch pures Gift, weil sie schnell in Enttäuschung umschlagen kann und dann die Leere zurückkehrt und der Sturz in die selbige häufig als schmerzhaft empfunden wird.

Doch zunächst einmal zum gestrigen Spiel. Ja, da ist ein echtes Team zusammengewachsen. Ein Team, wo ein Fehler eines einzelnen vom Kollektiv aufgefangen werden, wo man spürt, dass man gemeinsam etwas erreichen möchte. Das ist sicher eines der positivsten Assets derzeit, der Teamspirit und der hat ursächlich sicher auch etwas mit dem Abgang vermeintlicher „Stars“ zu tun, die sich über das Team erhoben, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit kokettierten, dass sie eiugentlich zu gut für Hertha wären. Gut, dass diese weg sind, wir hätten diese Entwicklung sonst nicht erleben dürfen.

Fangen wir diesmal im Tor an, wo ein vielgescholtener und weiterhin unter Teilen der Fans umstrittener Marius Gersbeck steht, aber seinen Job ordentlich erledigt, wenngleich sein Spiel zum Teil risikoreich ist, weil er viel vorm eigenen Strafraum steht und somit ein höheres Stehen der eigenen Mannschaft ermöglicht. Die Gerüchte, dass man fürs Tor noch jemanden sucht, scheinen ihn angespornt zu haben, sich beweisen zu wollen und es scheint funktioniert zu haben. Auch wenn er in jedem Spiel mal ein, zwei Klöpse hat, ist es auch ihm und ein paar großartigen Reaktionen zu verdanken, dass man da steht, wo man steht. Und es sei daran erinnert, dass wir seinerzeit mit einem Maikel Aerts aufgestiegen sind. Gersbeck ist definitiv derzeit genau der Torhüter, den dieses Team braucht.

Die Viererkette mit den Eigengewächsen Eitschberger, Gechter und Kolbe, ergänzt um den neu nach Belrin gekommenen Pedersen ist ein echtes Bollwerk, welches zumindest bislang den Erosionskräften standgehalten hat, die nicht nur durch die Wirkung des Gegners entstehen, sondern auch durch personelle Wechsel seitens des Trainers, der kurz vor Schluss mal gern die Viererkette auseinanderreißt, als ob es ein Naturgesetz gäbe, dass ein Dardai bei Hertha irgendwie immer spielen muss. Das hat nicht selten zu unglaublich gefährlichen Situationen geführt. Früher oder später wird genau das zu einem späten Gegentor führen, welches spielentscheidend sein wird.

Die „drohende“ Rückkehr von Zeefuik nach dessen Sperre stellt das Trainerteam vor eine herausfordernde Aufgabe. Rotiert man die Viererkette und wenn ja, wen? Zeefuik wird kaum Pedersen verdrängen, wenn, dann eher Eitschberger, der aber derzeit in der Form seines Lebens ist. Zeefuik draußen zu lassen, könnte aber auch das falsche Signal sein, denn er war ja Teil des sehr erfolgreich in die Saison gestarteten Teams. Die Moderation dieser Aufgabe wird sicher derzeit mit das wichtigste zum Erhalt der Teamchemie sein und idealerweise ziehen weiterhin alle an einem Strang, egal, wie das Ergebnis nun aussieht.

Das defensive Mittelfeld scheint auch ein Leistungsupgrade erhalten zu haben, obwohl mit Sessa und Seguin zwei alte Recken dort spielen. Sessa ist in den letzten Spielen weit über sich hinausgewachsen und räumt gemeinsam mit Seguin defensiv alles ab und beide leiten mittlerweile auch gut Angriffe ein und beherrschen somit den defensiven Teil des berühmt-berüchtigten „erweiterten Mittelkreises“. Die (vermeidbare) Gelbsperre von Seguin wird hier Veränderung hineinbringen und vermutlich einen stärkeren Impact haben, auch weil Klemens Seguin nicht 1:1 ersetzen wird können. Lum könnte eventuell eine Option sein, da ist aber fraglich, inwiefern seine rote Karte aus der Regionalliga auch für Spiele bei der ersten Mannschaft gilt.

Das offensive Mittelfeld ist derzeit auch ein Sahnestück, von links aus angeführt von Kapitän Brekalo, zentral mit dem Talent Gouram aus dem eigenen Nachwuchs und rechts mit dem wiedererstarkten Thorsteinsson, der gestern aber permanent gelb-rot gefährdet war und in der 74. Minute in Unterzahl durch Schuler ersetzt wurde. Und die zweite Garnitur hat es in sich. Edeljoker Adewumi zeigte erneut seine Scorerqualitäten und traf zwei Minuten nach seiner Einwechslung zum Sieg und zeigte, dass er im Zweifel ein guter Back-Up für Brekalo wäre. Für rechts gäbe es noch den schnellen, aber defensivschwachen Ruprecht als Option, den man dem eigenen Nachwuchsspieler Ndi vor die Nase gesetzt hat.

Unser Sorgenkind bleibt der Sturm. Grönning ist zwar wiedererstarkt und ackert engagiert auf dem Platz, ist aber wettbewerbsübergreifend 3 Spiele ohne Treffer. Schuler kann ihn nicht ersetzen, Nilsson ist offensichtlich noch nicht fit, was die Aussagen von Leitl von der PK in ein merkwürdiges Licht bringt, der dort gesagt hat, Nilsson passe zu „100 % ins Anforderungsprofil“ und man nicht glauben möchte, dass ein nicht fitter Spieler ins Anforderungsprofil passen soll oder die Fitness nicht Teil des Anforderungsprofil sein soll. Mag sein, dass Leitl das anders meinte, aber ein Stürmer schießt von der Bank auf definitiv kein Tor. Und auch hier hat man dem eigenen Nachwuchs Hildebrandt jemanden vor die Nase gesetzt.

Bleiben wir für bei Trainer Leitl, der zwei Schwächen hat, die er wohl auch nicht mehr loswerden wird.

1. Er verpasst regelmäßig den richtigen Zeitpunkt zum Wechsel. Vor der 65. Minute wechselt er höchstens bei Verletzungen. Ein rechtzeitiger Wechsel der gelb-rot gefährdeten Seguin und Thorsteinsson hätte gestern einen Platzverweis und ein Spiel in Unterzahl verhindert.

2. Er wechselt Spieler ein, die die gesamte Statik ins Wanken bringen. Warum er für die letzten 5 Minuten erneut ausgerechnet Dardai reinbringt, ist fast schon Sabotage. Dadurch reißt er die gut funktionierende 4er Kette auseinander, schwächt sich nicht nur in der Zuordnung, sondern auch auf LAV. Das ist brandgefährlich und wird früher oder später zu einem Gegentor kurz vor Schluss führen.

Leitl ist auch nicht besser geworden seit letzter Saison, er hat nur offensichtlich einen Co-Trainer an seiner Seite, der das Zepter übernommen zu haben scheint. Leitls Spielanalysen sind weiterhin ein Sammelsurium der Absurditäten, er scheint regelmäßig andere Spiele gesehen zu haben als das Publikum. Der einzige Vorteil des Festhaltens an Leitl ist, dass man sich das Geld für eine Abfindung gespart hat. Ansonsten sehe ich ob der Offensichtlichkeiten keinen Grund, nun Loblieder auf Leitl anzustimmen, nur weil wir jetzt mal ein paar Spiele z.T. „aaaschknapp“ gewonnen haben.

Und genau das ist auch der Grund, weshalb es keinen Anlass dazu gibt, nach 5 Siegen zum Saisonauftakt andere gleich ins Büßerhemd zu quatschen. Diese Momentaufnahme überdeckt nur die weiterhin vorhandenen Schwachstellen und es wird nicht mehr lange dauern, bis uns die gegnerischen Trainerteams entschlüsselt haben und uns neue und schwierigere Aufgaben geben, an denen das Team auch einmal scheitern wird. So, wie auch der Rekordmeister Bayern München mal scheitert und der Tabellenführer der 1. Liga derzeit ausgerechnet der FC Augsburg ist.

Bedenkt man, dass man seinerzeit mit Augsburg gemeinsam aus der 2. Liga aufgestiegen ist und dass man zwischenzeitlich 374 Mio. € geschenkt bekommen hat, ist die Tabellenführung der Stadt mit den meisten Feiertagen Deutschlands aus dem bayerischen Schwaben (oder schwäbischen Bayern) umso bitterer. Aber da Fußball weder Mathematik noch gerecht ist, stehen wir im Unterhaus und träumen von einer Wiederholung eines Aufstiegs, bei dessen Eintritt dann auch niemand in Euphorie ausbrechen sollte, weil das, was darauf folgt, nur in Ausnahmefällen ein Durchmarsch ist wie seinerzeit bei Kaiserslautern, die Regel ist grauer Abstiegskampf und zerlegt werden wie gestern der HSV gegen Mainz.

Also lasst uns den Moment genießen, dass es uns gerade einmal gut geht, es kommen sicher wieder andere Zeiten, in denen man die Wärme eines Büßerhemdes besser wird gebrauchen können.

HaHoHe, Euer Opa

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