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Im Büßerhemd durch die Pokalwoche?

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(opa) Die Geschichte des Büßerhemdes ist exzellent dokumentiert. Die ersten Erwähnungen findet sich in Psalm 35, 13 und im Buch der Könige des Tanach bzw. alten Testaments. In dem letzteren wird das hebräische Wort שק (saq – im lateinischen saccus) erwähnt, woraus sich noch heute die Redewendung “in Sack und Asche gehen” als Ausdruck besonderer Demut ableitet. Bei Hertha hat gar niemand derzeit Grund, in Sack und Asche zu gehen oder sich mit einem Cilicium zu quälen, einem grobem, aus Ziegenhaar gefertigten Unterhemd, welches nach seiner Herkunftsregion Kilikien in Anatolien benannt ist und welches zum Zwecke der Buße auf der bloßen Haut von zahlreichen prominenten Vertretern der Kirchengeschichte getragen wurde. Franz von Assisi, der heilige Patrick von Irland, Karl der Große oder Mutter Theresa sollen alle ein solches Kleidungsstück getragen haben.

Nun ist unklar, auf welchen Positionen diese Persönlichkeiten Fußball gespielt haben, beim Erbringen von sportlichen Höchstleistungen dürfte ein solches Kleidungsstück aber überaus hinderlich sein. Die Spieler von Hertha hatten nach dem Auftaktsieg jedenfalls keinen Grund, im Büßerhemd aufzutreten. Mit Heidenheim kam zwar ein nominales Schwergewicht, frisch aus der Bundesliga abgestiegen, stark bei Standards, aber mit einer geschlossenen Teamleistung und einigen sehenswerten Einzelaktionen und einer brutalen Effizienz gelang es Hertha schnell, die Gäste zu dominieren.

Schon der erste Standard von Hertha saß. Grönning, man mag fast meinen “wer sonst?”, erzielte mit dem Kopf bereits in der 2. Minute das Führungstor. Und das wirkte beinahe sogar einstudiert. Inwiefern das der positive Einfluss des neuen Co-Trainers ist, der seit dieser Saison auch das Standardtraining verantwortet, wird noch herauszufinden sein, eine Verbesserung gegenüber allem, was in den letzten Jahren an Standards zu beobachten war, ist es aber allemal. Und wer dachte, dass Hertha nun einen Gang herunterschaltet, sah sich angenehmerweise enttäuscht, Hertha dominierte nach Belieben und drückte die Heidenheimer in die eigene Hälfte, aus der sie nur selten herauskamen. Mit einem Sonntagsschuss baute Winkler die Führung aus 25 Metern Mitte der ersten Halbzeit aus und nicht nur das, ein wenig später bediente er mit einem sehenswerten Heber Zeefuik, der sich das zum Vorbild nahm und in bester Stürmermanier den Ball über den Heidenheimer Torhüter ins Tor hob.

So schön kann Fußball sein, so schön kann Hertha sein. Eine gute Halbzeit kennt man ja, die zweite begann Hertha etwas flatterig, die Heidenheimer hatten zudem 4 Spieler in der Halbzeit gewechselt und bekamen nun erst einmal einen besseren Zugriff aufs Spiel, was im Anschlusstreffer kurz nach der Halbzeit mündete. Doch Hertha steckte nicht auf, man begegnete sich beinahe auf Augenhöhe und neutralisierte sich gegenseitig in einer Partie, in der es vereinzelt durchaus nicklich zuging.

Höhepunkt dieser Nicklichkeiten war dann eine rote Karte gegen Zeefuik, der für eine eher angedeutete Tätlichkeit mit rot vom Platz flog. Nun mag die Regel so sein, dass auch der Versuch einer Tätlichkeit mit rot zu bestrafen ist, aber auch in der retrospektiven Einzelfallbetrachtung ist das viel zu hart, zumal der Heidenheimer auch viel zu viel draus macht und sich das Gesicht hält, obwohl er dort nicht einmal getroffen wurde. Dass der VAR hier nicht mindestens mal auf diese überaus unsportliche Schwalbe hinwies, beweist abermals die Überflüssigkeit dieser Institution. Vermutlich wird Zeefuik als “Wiederholungstäter” länger fehlen, drei Spiele werden sicher vom Kontrollausschuss beantragt werden, wenn man Glück hat, wird das vom Sportgericht auf zwei Spiele reduziert, mit einem Hertha-Zuschlag ist jedoch zu rechnen.

Hertha gab aber in Unterzahl die richtige Antwort und nutzte die Unsortiertheit der Heidenheimer und schraubte mit dem 4:1 den Deckel auf die Partie, die einen nicht nur zum Anstimmen des Hammerliedes animierte, sondern auch zu dem einen “Oh, wie ist das schön”. Alles schön also? Nicht ganz, denn auch und gerade im Leistungssport muss man auch im Erfolg kritisch bleiben. Gersbeck wackelt und irrlichtert in einigen Situationen. Wo Ernst zu stoisch auf der Linie blieb, irrlichtert Gersbeck bisweilen durch den Strafraum. Aber für solides Zweitligamittelmaß reicht das, weshalb die Debatte um einen weiteren Torhüter auch überflüssig scheint.

Die Viererkette war bislang ein ziemliches Bollwerk, welches durch die rote Karte von Zeefuik nun durcheinandergemischt wird. Christensen als LAV wäre ein 1:1 Ersatz, ohne die Statik zu ändern, es ist aber beinahe davon auszugehen, dass Dardai in die IV und Kolbe nach außen rückt, eine Lösung, die nach den Auswechslungen schon zu beobachten war und nicht zu überzeugen wusste. Andererseits wird ein Wechsel von Dardai in dieser Transferperiode nicht wahrscheinlicher, wenn er nicht eingesetzt wird und sich zeigen kann? Oder, weil dann auch aufnehmende Vereine sehen, dass er keine Verstärkung ist? Eine für alle Beteiligten schwierige Situation in der man da steckt. Gechter mit dem einen oder anderen Wackler.

Das Mittelfeld wusste diesmal zu gefallen, sogar der sonst vielgescholtene Sessa machte das sehr gut und bildete ein belastbares Scharnier zwischen Defensive und Offensive, lief anständig Räume zu und unterband das eine oder andere mal erfolgreich einen Vorstoß der Heidenheimer. Seguin solide, Gouram konnte aufgrund des guten Auftritts von Sessa diesmal nicht so herausragen wie im Auftaktspiel, deutete aber erneut an, dass er eine sichere Bank ist.

Und der Sturm? Brekalo und Winkler sind ein fast kongeniales Duo, welches die Gegner schwindelig zu spielen im Stande ist. Schwierig auszurechnen, selbst torgefährlich, wie Winklers Torschuss bewies und mit einem guten Auge für den besser stehenden Teamkameraden. Und Grönning? Der stand nach dem Tor nur wenig im Mittelpunkt, riss dadurch aber Räume, in denen seine Nebenleute agieren konnten.

Lob ans Trainerteam für Taktik und Standards, Verbesserungspotential gibt es immer noch bei Wechseln und taktischer Umstellung des Gegners und die Reaktionsgeschwindigkeit darauf. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Und Herthafans sind in Ekstase wie seit langem nicht, einige träumen im Überschwang schon von einer 100 Punkte Saison. Bis dahin ist noch ein weiter Weg zu gehen und allein die Wechsel deuten ja schon an, dass der zweite Anzug doch sehr luftig ist und man damit nicht über einen langen Winter kommt. Insofern hilft es schon, ein wenig auf die Euphoriebremse zu treten, noch ist nämlich nichts gewonnen außer zwei Auftaktspielen.

Und das Büßerhemd? Edmund Stoiber sagte beim politischen Aschermittwoch im Jahr 2000 in der Nibelungenhalle in Passau folgendes: “Nach dem Aschermittwoch ziehen wir das Büßerhemd aus, da ziehen wir den Kampfanzug wieder an”. In dem Sinne lasst uns in den Kampfanzug schlüpfen, ein Kleidungsstück, welches aufgrund instabilerer Verhältnisse an der Ostflanke unseres Bündnisses derzeit ohnehin in Mode zu kommen droht.

Aber jetzt blicken wir erstmal gut gebildet nach vorn in die Pokalwoche, am Wochenende geht es im Saarland um den Einzug in die zweite Runde des Pokals. Und auch das Saarland ist ja eine Art Kriegskind, scheint es doch so, dass wer den letzten Krieg verloren hat, zur Strafe das Saarland nehmen muss. Spaß beiseite. Auch wenn das Saarland zwar Anbauflächen für Wein hat, kommt der Saarwein aus dem Anbaugebiet Mosel, während die auf saarländischem Gebiet wachsenden Trauben nur als als Moselwein verkauft werden dürfen. Klugscheißerwissen für Fortgeschrittene.

Wir müssen den Anspruch haben, die erste Pokalrunde zu überstehen, schon allein aus finanziellen Gründen und sportlich sollte das auch machbar sein, auch wenn die Saarbrücker gut in die Saison gestartet sind. Also Büßerhemd aus, Kampfanzug an!

HaHoHe, Euer Opa

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