Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2026, Allgemein, Spieler im Fokus, Spieltagsnachlese, Transfers

Home sweet home?

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(opa) Hertha ist, wenn nach einem Heimspiel bei bestem Wetter und einem Heimsieg mit zwei sehenswerten Toren, eins davon vom 16jährigen Eigengewächs Kennet Eichhorn trotzdem Sodbrennen und Katerstimmung herrscht. Dabei war die Erwartungshaltung nach einer eher übersichtlichen Heimserie eher gering, dennoch gelang es Team und Trainer, unterhalb dieser zu bleiben und lächelnd Limbo drunter durch zu machen. Denn Fußball spielte im Wesentlichen nur die Gastmannschaft, die sich im Aufbäumen des Abstiegskampfs Chance um Chance erspielte und ein noch viel größeres Abschlussproblem hatte als Hertha. Niemand hätte sich beschwert, wenn die Gäste mit 3 Toren Vorsprung in die Pause gegangen wären.

Trainer Leitl hingegen, zu dessen Vorstellung es wohl Pfiffe gegeben hatte, verzichtete im Heimspiel gleich von Anfang an auf einen Stürmer und spielte mit einer neuen taktischen Variante im 4-3-3. Hertha stand sich dabei jedoch meist selbst im Weg. Weder passte der Spielaufbau noch die Defensivleistung, was u.a. auch daran lag, dass Teile der Mannschaft auch am 33. Spieltag weiterhin mit der kollektiven Aufgabe der Verteidigung fremdeln. Man kann von Glück sagen, dass die 2. Liga nicht dafür bekannt ist, dass dort die Tornetze kaputtgeschossen werden.

Und so wohnte man einem zunehmend unschönen Fußballspiel bei, bei dem von Minute zu Minute der Wunsch stieg, dass es möglichst bald vorbei sein möge. Die Stimmung hellten die beiden Treffer zwar kurzzeitig auf, aber allein die Tatsache, dass Trainer Leitl beide Torschützen vom Platz nahm und das Team in eine Variante der Dardaischen Hintenrumscheiße verfiel, die den Gegner ins Powerplay und somit zum Anschlusstreffer brachte, konnte einen schier zur Verzweiflung treiben, so dass einer von Euch sich zu der sarkastischen, aber passenden Bemerkung hingerissen sah, dass das Team selbst zum Verlieren zu blöd sei.

Die rote Karte gegen Brekalo, der nach einem Standard absichern musste und wegen einer angeblichen Notbremse, die eher aussah, als sei der Gegenspieler in ihn hineingelaufen, vom Platz flog, half Hertha zwar nicht, aber man spielte ja eh ohne Stürmer und so wurde das verdichtete Spielfeld wieder auf Normalzustand aufgelockert. Und der Platzverweis lieferte Trainer Leitl ein Alibi, weshalb man nun keinesfalls überzeugender auftreten konnte. Es mag sein, dass das Sprichwort “Wer gewinnt hat Recht” richtig ist, aber die Vorstellungen bei Heimspielen war nun alles andere als eine Einladung, sich in der kommenden Saison erneut eine Dauerkarte zu holen.

Dabei sollte der mittlerweile sinkende Zuschauerschnitt wie so einiges andere ein Warnzeichen für den Verein sein. Wer die Interviews rund um das Spiel verfolgt hat, wird aber ziemlich genau feststellen, dass man im Elfenbeinturm von Präsidium und Geschäftsführung sehr zufrieden mit sich scheint und keinerlei Absichten hegt, am eingeschlagenen Kurs oder am eingesetzten Personal etwas zu ändern. Immerhin scheint man beim Marketing von Hertha den Humor nicht verloren zu haben und greift die emotionale Achterbahnfahrt des Stadionbesuchers in einem Trailer auf:

Immerhin ist das ein Fortschritt, dass man hier mit Humor die Realität aufgreift, wenngleich es doch sportlich eher ein Offenbarungseid ist, denn wegen des Sports dürfte kaum jemand den Weg ins Rund finden wollen. Dafür ist das, was dargeboten wird, zu sehr Magerkost, dass man Angst haben muss, der eine oder andere Zuschauer bedürfe einer basischen Ernährung, um nicht zu übersäuern. Hertha bräuchte dringend einen Impuls, sich sportlich weiterzuentwickeln, das würde lustige Filmchen genauso obsolet machen wie die finanziellen Sorgen, die mit jedem Zweitligajahr größer werden dürften.

Vielleicht löst der Abgang von Noch-Kapitän Reese ja diesen Impuls aus, denn auf der Trainerbank hat dies Dr. Görlich ja ausgeschlossen. Reese, seit Saisonbeginn seiner Form hinterherlaufend und mit der neuen Rolle als Kapitän sichtlich überfordert, liefert dem Rest des Teams ein Alibi, indem er auch außer Form noch leicht herausragt. Wenn dieses sich hinter ihm verstecken wegfällt, ist jeder andere Spieler gefordert, eine Schippe draufzulegen. Es wird weniger auf seine Loyalität ankommen als auf die Angebote, die für ihn eingehen, nur nach der gezeigten Leistung in dieser Saison, die man nicht nur über die Scorerpunkte allein bilanzieren sollte, dürften diese eher ausbleiben.

Typisches Beispiel für seine Formlosigkeit war sein Zusammenspiel bzw. Nichtzusammenspiel mit Karbownik, der ihn im MIttelfeld bediente und dann in der Erwartung eines Passes in die Tiefe durchstartete, aber ins Leere lief, weil Reese das lieber selbst machen wollte, sich festdribbelte und dann aus ca. 35 m chancenlos abzog und den Ball in den Berliner Nachmittagshimmel drosch. Wer soll so einem Spieler einen Vertrag in einer höheren Liga geben, wo er noch mehr Geld bekommen soll als hier, wo sein Berater einen Kontrakt ausgehandelt hat, der für den Verein als “suizidal” noch beschönigend beschrieben ist?

Reese, in Teilen des Publikums überaus beliebt, die auch heute noch bei einem Freistoß gern mal mit ihrem Stapel gesammelter Plastikbecher “Ronnyyyy” gröhlen und dabei nicht einmal ahnen, wie richtig sie damit liegen, wird bei Ausbleiben eines Angebots, welches ihn weglockt, zu unserem neuen Ronny werden. Beliebt, aber mannschaftssportlich wertarm und das Budget über die Maßen belastend. Der Vorwurf geht hierbei weniger in Richtung Spieler denn in Richtung derjenigen, die so wahnsinnig waren, ihm diesen Vertrag zu geben, der ihm bis 2030 ein fürstliches Salär verspricht, was mancher Erstligist nicht bezahlen wollen wird.

Das Grauen hat damit noch kein Ende, denn neben der Nibelungentreue, die die Geschäftsführung dem uninspirierten und uninispirierendem Trainer ausgesprochen hat, soll mit Hrgota gerüchteweise der nächste Trainerliebling an die Spree geholt werden, der im Spiel am Sonntag vor allem dadurch auffiel, dass er noch farbloser und unauffälliger war als sein ehemaliger Trainer. Vor allem stellt sich bei solchen Transfers die Frage, wozu man überhaupt ein Scouting beschäftigt, wenn man dann mit Spielern aus der Trainervergangenheit ums Eck kommt.

Manchmal wünscht sich der eine oder andere sicherlich, es wie ein Spieler machen und den Verein wechseln zu können. Altes Trikot aus, neues Trikot an, ein paar inhaltsleere Floskeln, dass man schon als Kind davon geträumt hat, einmal vor diesem tollen Publikum in diesem tollen Stadion auflaufen zu dürfen und dann jeden Monat über den Gehaltsscheck freuen. Nur, dass das beim Fan nicht geht. Wer sich einen neuen Verein sucht, gilt als verdächtig. Fußballfreunde schauen dann nicht selten heimlich die Spiele ihrer Zweitliebe, die man vergöttert wie die Freundin, die man nicht haben kann, weil die alte Dame den Ehering hat und mit im Grundbuch steht. Fans haben es nicht leicht.

Also sucht man sich Lösungsansätze wie getrennte Schlafzimmer oder eben getrennte Freizeitaktivitäten und lässt sich “Freiräume” statt sich einzugestehen, dass es vorüber ist und weil man nicht konsequent ist, hält man Woche für Woche an Ritualen fest. “Der Kinder wegen” ist dann häufig eine Begründung, als ob diese daran schuld hätten, dabei können Kinder mit der Trennung ihrer Eltern häufig besser umgehen als die Eltern selbst. Aber Menschen sind nun einmal widersprüchlich, wer geboren wird, um sterben zu müssen, wird dann eben auch Fan eines Vereins, der ständig instinktiv alles falsch zu machen scheint und von dem man nicht loskommt.

Insofern dürften wir hier füreinander Verständnis haben, dass wir trotz Gemecker und zynischer Bemerkungen treu und fest zur alten Dame halten, auch wenn es dafür phasenweise keinen Grund mehr gibt. Und selbst die, die auf der Bank sitzen, von der aus sie Enten füttern, lässt es nicht ganz kalt. Da ist Hertha dann doch wie die Familie, die sich streitet wie die Kesselflicker, aber dennoch einen gemeinsamen Nenner hat. Also bis Sonntag dann beim Saisonfinale gegen die akut abstiegsgefährdeten Bielefelder.

HaHoHe, Euer Opa

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