Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2026, Allgemein, Bildungsauftrag, Spieltagsnachlese

Junimond

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(opa) Die älteren unter uns erinnern sich an Rio Reiser, den Sänger von Ton, Steine, Scherben, nach dem man unlängst im bunten Teil Kreuzbergs einen Platz benannte und dessen Song Junimond, dessen Refrain mit “Doch jetzt tut’s nicht mehr weh” beginnt, was ziemlich exakt die Emotionen vieler Herthaner beschreiben dürfte. Man ist zu diesem Zeitpunkt abgestumpft und in den Selbstschutz übergegangen, einige schauen sich die Spiele schon gar nicht mehr an und die, die es weiterhin tun, erdulden es wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, in nicht wenigen Fällen vermutlich unter Betäubung. Die Mannschaft und der Verein wirken blutleer und alle scheinen es nur noch hinter sich bringen zu wollen. So, wie wenn der Ex-Partner aus der gemeinsamen Wohnung auszieht.

Nun ist eine Form von emotionaler Entfremdung in zwischenmenschlichen Beziehungen relativ normal, für einen Fußballverein, dessen Geschäftsmodell von einer emotional einseitigen Begeisterung abhängt und der die Zuneigung seiner Anbetenden durch allerlei Angebote kommerziell ausnutzt, kann das existenzgefährdend werden. Wenn sich selbst die leidgeplagtesten der Fans abwenden, fließen dringend benötigte und einkalkulierte Einnahmen nicht mehr, es werden weniger Trikots, Fahnen, Schals und allerlei anderer Merchandise gekauft und selbst die jakobinischsten unter den Jakobinern, die sonst gegen jeden Kommerz im Fußball aufbegehren, kommen irgendwann um die normative Kraft des Faktischen nicht drumherum.

Hertha wird man nicht mit Fanliebe allein retten können und schon gar nicht, wenn man die treuesten Fans emotional verliert. Die alte Dame ist vor einigen Jahren gekapert worden, seitdem wurden und werden die Gremien und die Geschäftsstelle Stück für Stück mit Getreuen besetzt. Sportlich ging dies einher mit dem Abstieg vom etablierten Bundesligisten zur grauen, aber teuren Maus der 2. Liga. Entsprechende Verluste auf Einnahmeseite inklusive, denn die TV Gelder sanken von 50 Mio. auf unter 20 Mio. € mit weiterhin fallender Tendenz. Entsprechend sanken auch die Erlöse aus Sponsoring und VIP. Wobei fehlende Einnahmen ja noch nie das Problem von Hertha waren, sondern dass man zu viel ausgab.

Um Löcher zu stopfen, hat man den Fans allerlei Rabatte gestrichen, denen man bei der vorletzten Mitgliederversammlung offenbaren musste, dass man die Mitgliedsbeiträge, die zu 100 % in die Nachwuchsarbeit gehen sollten, zur Kompensation der Mitgliederrabatte verwendet hat. Dass da die zuständigen Behörden noch nicht entsprechend tätig geworden sind, grenzt beinahe an ein Wunder und ist wohl nur mit dem Bonus zu erklären, den nur ein Fußballverein haben dürfte. Die damit einhergehende faktische Preiserhöhung ist bereits an den Stadionkassen angekommen, die letzten Heimspiele scheinen keine Verkaufsschlager gewesen zu sein und die Trendumkehr in Sachen Zuschauerzahl lässt sich auch kaum mehr weglügen.

Aus der anfänglichen Begeisterung einiger über den neuen Wind im Friesenhaus ist die bittere Erkenntnis geworden, dass der neue Kaiser eben auch nackt ist, sportlich vielleicht sogar noch nackter als die Kaiser zuvor. Mit überteuerten Spielern sportlichen Erfolg zu erkaufen, hat sich abermals als Trugschluss erwiesen, wenn das Drumherum nicht stimmt. Hertha leidet spätestens seit dem Abgang von Dieter Hoeness unter Managementdefiziten, zu denen neben fehlendem fußballerischem Sachverstand eben auch gehört, Menschen zu motivieren und aus dem gemeinsamen Traum von besseren Zeiten eine verschworene Gemeinschaft zu formen.

Das hierfür erforderliche Charisma muss man dem Spitzenpersonal Herthas leider vollständig absprechen. Interviews und öffentliche Äußerungen sind in letzter Zeit qualitativ kaum mehr von dem zu unterscheiden, was auf dem Platz dargeboten wird. Und selbstverständlich gibt es Wirkgesetze, die belegen, dass dies miteinander zusammenhängt. Die jetzige Vereinsführung und das jetzige Management wirken eher als den Untergang verwaltende Verweser denn als managende Macher. Und genau so wird eben auch auf dem Platz gespielt. Jeder versteckt sich hinter dem anderen und dann sind da noch ein paar Egomanen, die auf der Suche nach der Verbesserung der eigenen Scorerquote den Ball auch dann neben oder übers Tor dreschen, wenn ein Mitspieler besser positioniert ist.

Und auf diese Art und Weise gerät auch das “Notziel” des sechsten Platzes in der Tabelle in Gefahr. Einigen Spielern wird es egal sein, weil sie ohnehin nächste Saison ihren Gehaltsscheck woanders kassieren werden. Für den Verein wäre der Verlust weiterer TV Gelder vielleicht der erforderliche Anlass, endlich die Ausgabenpolitik anzupassen. Vermutlich wird es aber wieder darauf hinauslaufen, dass man einfach das Defizit erhöht. Finanzchef Huschen äußerte sich letztens ja entsprechend, dass man mit überdurchschnittlichem Budget hantiere, ein Moment, in dem man die Sektkorken in der Beraterbranche hat knallen hören können und das erleichterte “Uff” der Minderleister, die der Verein beschäftigt, dürfte mehr als eine Windböe verursacht haben. Vielleicht gehen auch deshalb die eigenen Torschüsse zuletzt am gegnerischen Tor vorbei?

Es waren gestern jedenfalls alle erleichtert, als es endlich geschafft und man erlöst war von dem Elend des Auftritts. Dass aus der Fankurve Kritik an den sportlichen Leistungen kommt, ist kaum zu erwarten, man hat dies ja selbst zu einem guten Teil mitzuverantworten. Und so siecht der Patient Hertha, der sich zwischenzeitlich noch einmal aufbäumte wie ein altersschwacher Rüde, wenn eine läufige Hündin in Riechweite ist, der ihn trotz Hüftdysplasie stolzieren lässt wie ein Lippizaner der Wiener Hofreitschule, um sich danach lange von diesem Moment des Hochmuts erholen zu müssen, der ihn dem Tod eher näher gebracht hat.

“Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh” heißt es im Lied von Rio Reiser. Vielleicht hilft dem einen oder anderen die Erkenntnis, dass der Song für eine mittlerweile auch “alte Dame” komponiert wurde. Es wurde als Abschiedssong der damaligen Managerin der Band “Ton, Steine, Scherben” komponiert und getextet, diese war niemand anderes als Claudia Roth, über deren verschleierten Besuch der iranischen Machthaber und ihrem in diesem Zusammenhang stehenden Engagements für kulturellen Austausch der Publizist Hendryk M. Broder hier scharfzüngig schrieb, dass sie sich bei entsprechender Gelegenheit auch für den Besuch des Lagertheaters im KZ Theresienstadt begeistert und das Goetheinstitut aufgefordert hätte, die Kulturarbeit der Gefangenen zu unterstützen.

Bevor nun der Sturm der Entrüstung über mich hineinbricht, entlasse ich Euch in die Woche des Heimspiels gegen Greuther Fürth mit der Erkenntnis eines Nürnberger Bekannten: “Lieber Fünfter als Fürther”, ein Motto, was man mit Gold in Leder schlagen und in der Kabine der Mannschaft überm Kamin aufhängen sollte.

HaHoHe, Euer Opa

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