(opa) Nicht wenigen ging es zum Ende des gestrigen Spiels wie bei einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Man wollte eigentlich nur noch, dass es aufhört und als die üppige Nachspielzeit angezeigt wurde, ging ein Stöhnen durch die Reihen. Vermutlich hätte Hertha auch in zwei weiteren Halbzeiten kein Tor mehr geschossen, zu ideenlos agierte man gegen tief stehende Lauterer und die paar Chancen, die man sich erspielte vergab man kläglich, weshalb das Ergebnis auch grundsätzlich in Ordnung geht, auch wenn Hertha in der ersten Halbzeit phasenweise dominanter war und ab Mitte der zweiten Halbzeit das einzige Team, was noch etwas zum Spiel beitrug.
Ein Gegner, der sich hinten reinstellt, kann das Team von Leitl derzeit nicht bezwingen, nur gehört diese Aufgabenstellung zum Fußballspiel dazu, vor allem bei Heimspielen. Wenn Hertha bei der Auslosung vor dem Spiel den Anstoß gewinnt, wird der Ball ja diese Saison dem Gegner ins Seitenaus geschossen und so überlassen. Falls man nicht gewinnt, geschieht dies in der jeweils anderen Halbzeit. Da könnte man auch gleich eine Kapitulationsnote überreichen. Diese Spielweise gleicht einem Offenbarungseid und ein Trainer, der das nach über einem Jahr Amtszeit mit seinem Team nicht hinbekommt, ein Spiel zu gestalten, sollte eine Denkpause erhalten.
Erfolge kamen überwiegend nur duch Unvermögen des Gegners und durch Spielglück hinzu, wie der Sieg in Dresden, wo man ohne eigenen Torschuss durch ein Eigentor siegte. Wer gegen Hertha das Spiel machen wollte, lief in eine Konterfalle, wer sich hinten reinstellte, konnte Hertha durch Untätigkeit zur Niederlage zwingen. Und ähnlich attraktiv wirkten die Spiele auch. Nun mag Fußball ein Ergebnissport sein, nur die Ergebnisse passen halt auch nicht angesichts der Relationen zu Budget und Zielsetzung. Die Heimbilanz ist eine Katastrophe und man wundert sich, wie viele Herthafans so schmerzbefreit sind, diese an eine Wurzelbehandlung erinnernden Spiele über sich ergehen zu lassen.
Gut, das Wetter lud zu Aktivitäten unter freiem Himmel ein, aber da kann man sicher nettere Ecken finden als das Oly, wo man Getränke aus dem Zahnputzbecher und schmuckloses Rahmenprogramm serviert bekommt. Man rechne selbst nach, wie viel Lebenszeit für das Hobby draufgeht, bei durchschnittlich 35 Spielen pro Saison á 105 Minuten und am Lebensende mindestens 60 Saisons hat man über 150 Tage seines Lebens nur Herthaspiele erdulden müssen, rund ein halbes Jahr Lebenszeit geht bei einem Fan mit den Eckdaten drauf und ist einfach weg. Und das investierte Geld hätte sicher locker für eine kleine Yacht gerecht. Oder einen Beitrag zum Weltfrieden.
Enten füttern am See wäre sicher sinnstiftender gewesen als das Anschauen dieses Fußballgrauens, vor allem vor dem Kontrast dessen, was in den Tagen zuvor im “Bonzenfußball” geboten wurde. Man muss die Bayern nicht mögen, aber gegen Real auswärts zu gewinnen, ist schon respektabel und könnte den Grundstein für einen weiteren Champions League Platz legen. Davon hätte Hertha zwar direkt nichts, denn von diesem ist man weiter entfernt als von einem Sieg am Samstag, aber man sollte den Blick fürs Große und Ganze nicht aus den Augen verlieren und sich bewusst machen, dass mit der “Bonzenfußball”-Knete eben auch Geld in die Kasse von Hertha gespült wird, wenn einer der Erstligisten Talente aus der Akademie loseist.
Dass dieses Geld dann anderweitig wirkungslos verplempert wird, steht auf einem anderen Blatt, aber ohne solche Extraeinnahmen wäre unser Herzensverein schon längst pleite. Obwohl man genauso viel Einnahmen hat wie andere, gibt man immer mehr Geld aus als man hat. Als Schuldige werden dann die üblichen Verdächtigen (Holst, Hoeness, Gegenbauer) oder Umstände (Stadion, Rasenfarbe, Senat, Berliner Publikum) genannt, die man allerhöchstens mit Voodoo zu bezwingen vermag. Und als Krönung schwingen sich einige noch dazu auf, die eigenen Fans zu beschimpfen, als hätte das jemals Erfolg gehabt.
Hertha scheint zu einem toxischem Gebilde verkommen, welches langsam, aber letztlich unrettbar seinem Ende entgegenrottet. Auf die vermeintliche Erfolgsmeldung der (Teil-)Ablösung der Anleihe, die in Wahrheit ja nur eine Umschuldung darstellte, denn getilgt hat man bisher nichts, folgte die Hiobsbotschaft, dass man nach den Buchstaben der Regularien mit negativen Punkten in die nächste Saison wird starten müssen. Derfzeit prüft man zwar noch Abwendungsversuche, aber bei all dem, was man im Kapitalmarkt so hört, dürfte sich der derzeitige Eigentümer A-Cap schwer tun, Hertha weitere Mittel zur Verfügung zu stellen.
Nach diesem Bericht verhandelt man über den Verkauf der gesamten Fußballsparte an Investoren aus dem Umfeld von Inter Mailand, was vermutlich noch das seriöseste wäre, was Hertha an neuem Gesellschafter drohen könnte. Neues Geld dürfte es dadurch vermutlich dennoch nicht geben und faktisch ist ein Asset wie Hertha derzeit wertlos und wird sich “ins Verdienen bringen” müssen. Also Überschüsse erwirtschaften und damit Schulden und negatives Eigenkapital abbauen. Also etwas, was für andere Vereine völlig normal ist und nur bei Hertha nicht geht (wegen der Reiseschreibmaschine und dem Senat).
Viele Jahre zweite Liga warten auf die verbliebenen Fans. Im Idealfall wohlgemerkt. Dass Tradition und Erfolge der Vergangenheit einem nichts nützen, zeigen Vereine wie 1860 München, Alemannia Aachen oder Rot-Weiß-Essen, wobei letztere sich gerade wieder hochkämpfen, nachdem man jahrelang in den Niederungen der Regionalliga versunken war. Allen drei gemeinsam ist übrigens, dass ihre Stadionprojekte sie massiv in den Abgrund gerissen haben, weshalb man die immer noch nicht aufgegebenen Stadionpläne Herthas schon als beinahe suizidal bezeichnen muss.
Hertha wird am Ende dieser Saison irgendwo zwischen Platz 5 bis 7 einlaufen, wofür man sich leider nichts kaufen kann, aber sehr viel wird verkaufen müssen. Sofern man einen Abnehmer findet. Der Neuaufbau dürfte eher in die Kategorie “Holzklasse” fallen und es sollte nicht verwundern, wenn es zwar viele neue Spieler, aber kaum mehr neue Qualität gibt. Wobei vielleicht darin tatsächlich eine Chance besteht, wenn man ohne Erwartungsdruck auflaufen kann. Vielleicht fängt man damit an, den Ball nicht freiwillig dem Gegner zu überlassen.
Und vielleicht wird man sich eines Tages noch wehmütig an heute als Holzfüße verschmähte Spieler wie Kownacki, Cuicance oder Schuler zurückerinnern, wenn der Pinsel mal wieder güldene Gemälde der Nostalgie malt. Wobei man sich dann eher an Marcelinho, Pantelic und die beinahe geholte Meisterschaft erinnern dürfte. An das Spiel von Samstag wird sich dann hoffentlich niemand zurückerinnern. Vergessen ist schließlich das Pflaster der Seele und so wie die Wunden einer Wurzelbehandlung verheilen, wird auch die Erinnerung an dieses Elend bald verblasst sein wie der durchschnittliche Patient beim Zahnarzt, wenn die Rechnung kommt und man sich fragt, wofür man eigentlich krankenversichert ist. Beinahe ein Wunder, dass nicht mehr Menschen einen Zahnstatus wie Füllkrug haben, der ob desselbigen perfekt nach Gelsenkirchen passen würde.
Doch es gibt Hoffnung: Nur noch zwei Heimspiele, dann ist die Behandlung für dieses Saison abgeschlossen.
HaHoHe, Euer Opa