(opa) Befreiend war der Jubel in der Nachspielzeit. Wenn man große Ziele erreichen will, muss man zudem auch mal Spiele “dreckig” in der Nachspielzeit entscheiden. Doch über ein Unentschieden hätte man sich auch nicht beschweren dürfen, zu pomadig ging man mit den durchaus zahlreich vorhandenen Chancen um und offenbarte erneut das latent vorhandene Sturmproblem. Nun könnte man meinen, dass es sich um ein Luxusproblem handelt, schließlich gewinnt man ja immer noch. Aber mit zunehmendem Saisonverlauf können sich die Gegner immer besser auf die Hertha einstellen und so die Aufgabe erschweren. Insofern könnte etwas mehr Unausrechenbarkeit durchaus hilfreich sein, was aber zum Handeln des Trainers Leitl kaum passt, der sich festgelegt zu haben scheint, wer spielen darf und wer nicht.
Wie erwartet und befürchtet hat Leitl sich auf einigen Positionen festgelegt. Der solide und motiviert spielende Eitschberger muss Platz machen für Zeefuik, der auf links von Pedersen verdrängt wurde. Da die Sturmqualität der bisherigen Gegner nicht so herausragend war, sind daraus bisher keine größeren Schäden entstanden, aber allein aus Karriereplanungs- und Spielerwertentwicklungsgründen scheint diese Entscheidung nicht wirklich nachvollziehbar. Für Zeefuik wird man kaum noch Geld bekommen, für Eitschberger sehr wohl.
Ähnliches gilt für die Nichtberücksichtigung von Gouram, die von Trainer Leitl auf der PK mit dessen Verhalten beim Training begründet wurde. Dabei würde ein zentraler Spieler das Angriffsspiel etwas variabler gestalten und vor allem auch den Stürmern etwas mehr Raum verschaffen. Mit Brekalo, Adewumi und Thorsteinsson spielt Hertha mit drei Außenspielern, von denen einer nicht ganz in Form scheint und einer eher als Ein- bzw. Auswechsler spielt. Auch hier stellt sich die Frage, inwiefern sich das mit dem sekundären Ziel der Wertentwicklung verträgt, denn Adewumi ist nur geliehen und für Thorsteinsson wird man auch kaum noch etwas bekommen.
Überhaupt rückt die Vertragssituation in den Fokus. 16 Verträge enden zum Saisonende, auch die Verträge von Trainer und Sportdirektor laufen aus. Ein großer Umbruch droht und je näher dieser rückt desto länger wirken ggf. die Schatten eines solchen Ereignisses. Vielleicht fühlen sich die einen oder anderen auch nicht mehr genug gewertschätzt ob der Nichtverlängerung? Das wäre Gift für die riesige Chance, die man sich erspielt hat. 9 Punkte beträgt bereits der Vorsprung auf den Relegationsplatz. Das ist absolut positiv. Die spielerische Entwicklung hingegen stagniert bzw. scheint abzunehmen.
Allein die Entwicklung der Standards ist besorgniserregend. Konnte man Anfang der Saison noch einstudierte und überraschende Varianten sehen, gibt es in den letzten Spielen Rückfälle in dunkle Zeiten. Eckbälle, die ohne weitere Berührung hinterm Tor ins Aus gehen und Freistöße, die keinen Abnehmer finden sind nicht allein damit erklärbar, dass sich auch die Gegner besser einstellen. Hertha spielt Dominanzfußball und presst den Gegner in dessen Hälfte, wo man dann mit einer Art Kreisspiel vorm Tor versucht, die Lücke zu finden.
Das ist besser als wenn der Gegner das mit einem macht, aber man muss die Lücke dann auch mal finden oder den Gegner dann auch mal variabel etwas kommen lassen, um Räume zu schaffen. Doch genau diese Variabilität ist unter Trainer Leitl bislang kaum zu beobachten gewesen. Es wird einfach der ausgegebene Stiefel heruntergespielt in der Hoffnung, dass es irgendwie gut geht. Letzte Saison ging es nicht gut, diese Saison geht es gut. Erklären lässt sich das aber zumindest zu einem gewissen Teil einfach mit Glück. So wie am Samstag. So steigt man vermutlich auf, gleichzeitig ist das aber keine Werbung für eine Weiterbeschäftigung, zumal man nach einem Aufstieg wirklich einen deutlichen Qualitätssprung brauchen wird.
Vielleicht ist es auch diese Erkenntnis, die beim einen oder anderen Blockaden auslöst. Man spielt eine grandiose Saison und weiß dennoch, dass es keine Perspektive gibt? Das kann zu den Nuancen beitragen, die aus einem überlegenen Sieg nur noch ein Glückssieg machen. Oder ein Unentschieden. Oder eine Niederlage. Bisher geht alles gut, man hat sogar einen 40 Jahre alten Rekord für den besten Saisonstart nach 9 Spieltagen geknackt. Aber mit jedem Spiel wird deutlicher, wo die Defizite liegen und mit den nächsten Gegnern Lautern und Wolfsburg kommen echte Ligaschwergewichte, gegen die es zählt. Zwar kann man unabhängig vom Ausgang nicht auf einen Nichtaufstiegsplatz absteigen, aber wenn man die Weisheit “the trend is your friend” berücksichtigt, wäre ein überzeugenderes Auftreten hilfreicher.
Aber vielleicht geht es ja auch gut und wir putzen die beiden Teams weg, die ja zudem mehr tun werden als sich hinten reinpressen zu lassen. Dass sich Seguin die 4. gelbe Karte abgeholt hat, die er beim Ausputzen eines Fehlers seines Mitspielers bekommen hat, macht die Sache nicht einfacher, der dürfte derzeit mit am wenigsten ersetzbar sein, auch weil er die defensive Absicherung für die Offensivausflüge von Nebenmann Sessa darstellt und gegen die schweren Gegner dringend benötigt werden wird.
Man darf gespannt sein, wie man am Mittwoch gegen Jeddeloh II antritt. Ein Weiterkommen im Pokal wäre fürs Gemüt und die Kasse überaus hilfreich.
HaHoHe, Euer Opa