(opa) Was für ein Saisonauftakt, wohl niemand hätte in seinen kühnsten Träumen davon gewagt zu träumen, dass Hertha mit 5 Siegen aus 5 Spielen (mit Pokal 6) in die Saison startet, nachdem man seine vermeintlich unersetzbaren „Stars“ wie Reese, Cuisance oder Eichhorn abgegeben hat und mit der Resterampe und ein paar auf den letzten Drücker verpflichteten Leihspielern angetreten ist, die nun über sich hinauszuwachsen scheinen. Die gute Laune nach dem Spiel zeigte, dass da atmosphärisch etwas zusammengewachsen ist, was so vorher kaum möglich war, wohl auch, weil es in Mannschaftssportarten eben Spannungen gibt, wenn einer bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit kokettiert, dass er eigentlich zu gut sei für die aktuelle Aufgabe.
Doch zunächst zum gestrigen Spiel, bei dem Trainer Leitl vor der Herausforderung stand, den gelb-rot gesperrten Seguin ersetzen zu müssen und einen Weg zu finden, wie man mit der abgesessenen Sperre von Zeefuik umgehen soll. Für ersteres entschied er sich für einen Doppelwechsel, dem Gouram als Nachwuchsspieler zum Opfer fiel und durch Adewumi ersetzt wurde, während Klemens die Rolle von Seguin übernahm, während er bei der zweiten Frage auf Zeefuik einfach verzichtete und die bisher gut eingespielte Viererkette mit Neuzugang Pedersen unverändert ließ.
Das Ergebnis war, dass man zwar nicht ganz so sicher um den Mittelkreis stand und Klemens doch den einen oder anderen Wackler drinhatte und auch Sessa wirkte defensiv nicht so souverän wie in den letzten Spielen. Statik ist bisweilen eine sehr fragile Angelegenheit. Dass es dennoch gut ging, lag u.a. daran, dass Hertha unbeirrt seinen Stiefel runterspielte und darauf vertraute, dass man ein Tor mehr schießt als der Gegner. Dass man in der Phase rund um den Gegentreffer phasenweise wackelte, bei dem Torhüter Gersbeck nicht gut aussah, ist ein noch unerklärbares Phänomen, aber Hertha hat derzeit das Glück, dass das am Ergebnis nichts zu ändern vermag. Und Gersbeck hatte kurz vorher gezeigt, wie nah Genie und Wahnsinn bisweilen beisammen liegen, als er bravourös einen Elfer hielt.
Überhaupt scheint es Balsam zu sein, dass man bei Hertha zu Lasten der individuellen Qualität akzeptiert zu haben scheint, dass man in der zweiten Liga spielt und eine Mannschaft für diese Aufgabe zusammengestellt hat, statt zu versuchen, mit vermeintlichen Erstligaspielern die Liga zu rocken. Das ging auch bei anderen Vereinen schon schief, wie der HSV über Jahre bewiesen hat. Immerhin dürfte das auch bei Gegnern extra Motivation freisetzen, sich mit vermeintlichen Stars zu messen und diese niederzuringen. Kommt man mit etwas mehr Understatement und vermeintlich geschwächt, kann man schon einmal unterschätzt werden, wenngleich das jetzt nach fünf Siegen in fünf Spielen nun langsam ein Ende haben dürfte, dass die Gegner einen unterschätzen.
Allerdings ist das echte Sahnestück Herthas der Defensivverbund, der einfach gut harmoniert. Gersbeck ist ein sicherer Rückhalt, wenngleich er auch schwache Momente hat, aber er spielt schon sehr modernen Torwartfußball, ist häufig anspielbar wie früher ein Libero, er macht schnelle und oft präzise Abschläge, er scheint ein gutes Raumgefühl zu haben und beherrscht seinen Strafraum. Da kann man ihm das „Kacktor“ gestern verzeihen, was ja eigentlich auch eher eine verunglückte Flanke gewesen sein und selbst den Torschützen überrascht haben dürfte.
Die Viererkette mit Kolbe und Gechter in der Zentrale ist ein echtes Sahnestück, weil nahezu alles abgeräumt wird, was denn überhaupt noch durchkommt, denn auch Pedersen (der zudem offensiv auffällig ist) und Eitschberger räumen bei sich regelmäßig auf und verhindern Hereingaben. Ich glaube, dass es derzeit für Angreifer kaum etwas unangenehmeres geben dürfte, als gegen Eitschberger zu spielen. Davor das defensive Mittelfeld mit dem erstarkten Sessa und Seguin, die auch keine Gefangenen machen und durch konsequentes Abblocken auch die Viererkette entlasten, ohne aber das Umschaltspiel zu vergessen.
Und offensiv? Da ist es ein Wechselspiel von Licht und Schatten. Brekalo ist in überragender Form, Thorsteinsson stolpert auch nicht mehr permanent über die eigenen Füße, zentral gibt es gleich mehrere Optionen, wie Adewumi gestern eindrucksvoll zeigte und den zuletzt etwas farblosen Gouram ersetzte. Einzig in der Sturmspitze kämpft Hertha mit stumpfen Waffen, Grönning hat nach gutem Start leider etwas nachgelassen und Schuler war bislang auch keine Alternative, weshalb man folgerichtig noch jemanden geholt hat und das Risiko einging, mit Nilsson eine Wundertüte zu holen. Wenn der in Fahrt kommt, schießt er den Gegnern die Tore kaputt und ist eine echte Waffe bei Standards, weil der schwedische Wikinger bei fast 2 Metern kaum springen muss. Aber ihm fehlt es noch an Bindung zur Mannschaft, zum Spiel und an Fitness. Da kommt die lange Nationalmannschaftspause gerade recht, allerdings wird er eventuell zum Heimatverband gerufen und ob er sich da optimal für die Liga fitmachen kann, dürfte fraglich sein.
Beim Drumherum hat sich auch einiges getan. Trainer Leitl hat einen neuen Co-Trainer, der auch bei seinen vorherigen Stationen mit besseren Standards geglänzt hat. Durch die stärkere Homogenität der Mannschaft sorgen Wechsel auch nicht für so riesige Leistungsabfälle. Zeefuik kann man immer reinwerfen, bei Ruprecht beeindruckt das Offensivtempo und endlich hat Leitl auch darauf verzichtet, für die letzten Minuten die Innenverteidigung auseinanderzureißen.
Also alles bestens? Vom Ergebnis her ja, allerdings gibt es da auch noch Punkte, die ahnen lassen, dass nicht alles gold ist, was glänzt. Das Team darf nicht in den Verwaltungsmodus übergehen, das führt meist zu Gegnerdruck, mit dem man nicht umgehen kann. Klar ist das auch ein Fitnessthema, was aber durch die Wechsel kompensiert wird. Aber es ist nicht so, dass man so drückend überlegen ist, dass das nun den Rest der Saison so weitergehen muss. Das Team hat Moral und Selbstbewusstsein, aber derzeit auch noch die notwendige Demut, dass das manchmal ganz schön knapp war und der eine oder andere Sieg am seidenen Faden hing. Konzentriert bleiben ist das Motto des Moments. Es wird früher oder später Einbrüche geben, umso wichtiger und wohltuender ist das Polster, was man bereits gesammelt hat, wobei die 9 Tore positive Differenz fast wertvoller scheinen als die 2 Punkte Vorsprung.
Und Osnabrück so? Ich hatte jahrelang regelmäßig beruflich dort zu tun. Nettes kleines Städtchen in der verschlafenen Provinz. Wenn es nicht da wäre, würde es aber auch niemandem wirklich auffallen. Im Rathaus wurde der westfälische Frieden geschlossen, der das Ende des dreißigjährigen Krieges markierte, dem rund ein Drittel der Bevölkerung des heiligen römischen Reiches zum Opfer fiel. Begonnen hat das alles mit dem Prager Fenstersturz, das Fenster ist noch heute zu besichtigen und überhaupt ist Prag eher als Reiseziel zu empfehlen als Osnabrück, zumal aus dem deutschböhmischen Prag ein Gründungsteilnehmer des DFB und Endspielteilnehmer um die deutsche Fußballmeisterschaft kam. Und auch sonst dürfte Böhmen einiges mehr zu bieten haben als das platte Osnabrücker Land. Aber irgendwo muss man ja Kartoffeln anbauen.
Apropos Kartoffeln, am Samstagabend geht es auswärts gegen Dresden, bevor die dreiwöchige Nationalmannschaftspause etwas Luft zum Durchatmen gibt. Der Saisonstart ist unabhängig vom nächsten Ergebnis schon jetzt als voller Erfolg zu bewerten. Nicht nur das Ergebnis, auch wie es zustande gekommen ist, ist großartig. Möge es gern den Rest der Saison so weitergehen, das „100 Punkte Lied“ klingt so schön, vor allem, wenn man es in fremden Stadien singt. Denn im Gegensatz zur Mannschaft muss man sich als Fan nicht zurückhalten, schon gar nicht, wenn man das erste mal seit Jahrzehnten einen scheinbar unbesiegbaren Gegner niedergerungen hat.
Mit stolzgeschwellter Brust entlasse ich euch hiermit in die Woche mit einem donnernden HaHoHe, Euer Opa