Veröffentlicht am Kategorien 1. Bundesliga, 2023, Allgemein, Trainingslager, Transfers

Eitel Sonnenschein?

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(opa) Nach ein paar Tagen Vitamin D Auffrischung im heiligen Land bin ich wieder wohlbehalten und voller nachhaltiger Eindrücke zurück in Berlin. Wenn man in und rund um die Altstadt von Jerusalem und über die selben Pflastersteine wandelt wie seinerzeit Jesus Christus, sind die Probleme unseres Herzensvereins sehr, sehr weit entfernt. Und dennoch erreicht einen dank Internet auch im letzten Winkel der Welt jede Nachricht um die Hertha, sei es in Jerusalem, Neumünster oder Lausanne. Wie soll man so Abstand gewinnen, selbst wenn abends die Füße schmerzen vom mehr Laufen als unsere Profis in manchem Spiel?

Wobei sich die Frage stellt, ob man das überhaupt möchte und guten Gewissens kann. Immerhin passierte dieser Tage einiges. Nicht nur, dass nun endlich Klarheit besteht, dass Bobic seinen Vertrag bei Hertha erfüllen dürfte. Ob es daran lag, dass er selbst dem DFB zu teuer war, sei mal dahingestellt, Fredi Bobic hat in Berlin genügend Aufgaben zu erledigen und dennoch habe man lt. einer herthaeigenen Publikation (klingt das besser als Selbstinterview?) “ein gutes Gefühl: Wir haben eine geschlossene Gruppe beisammen – auf die wir setzen!”. Das letzte Mal, als Bobic sich für seine Arbeit gelobt hat, brauchte er drei Trainer und die Relegation für den Klassenerhalt.

Manchmal kann Schweigen dann eben doch das sagenumwobene Gold sein, nach dem sich jeder sehnt. Oder stehen Fußballverantwortliche so sehr im Lichte der Öffentlichkeit, dass jedes Wort von ihnen auf die Goldwaage gelegt wird, manchmal sogar aus dem Kontext gerissen, nur um eine Schlagzeile generieren zu können? Oder sollten in solch exponierten Positionen befindlichen Menschen nicht Berater und Beratung haben, die ebensolches verhindern helfen? Bobic hat und hatte hier freie Hand, auch kommunikativ umzubauen, mein Eindruck ist nicht unbedingt, dass es auch in dem Bereich durch Bobic initiierte signifikante Fortschritte gab. Keuters Vertrag auslaufen zu lassen, war ohnehin ein “Lowbrainer”, wie man neudeutsch so schön sagt.

Wer glaubt und andere Glauben machen mag, es läge nur an der übertriebenen Erwartungshaltung der Kundschaft vulgo Fans, sollte schon die Frage beantworten können, weshalb die Performance auch in den ganzen Nebenfeldern nicht sonderlich gut ist, zu denen neben der Kommunikation auch z.B. die Durchlässigkeit für Talente zählt, wo man nach dem Andocken von Bobic nicht nur wenig bis keine Debüts verzeichnen kann, sondern eben auch Talente den Verein verlassen haben. Das mag auch an einer durch den Vorgänger geschürten Erwartungshaltung gelegen haben, die mittlerweile wirtschaftlich unerfüllbar geworden ist. Aber es ist eben auffällig wie Bobics nicht sonderlich glückliches Händchen bei der Trainerwahl.

Es hat ja noch nicht einmal zu einem klaren Dementi gereicht, stattdessen fabuliert er nun darüber, wer sich alles zu seinem möglichen Wechsel zum DFB geäußert hat und vergisst dabei, dass er es verabsäumt hat, sich klar zu positionieren. Das Ergebnis ist, dass Manager Bobic eben genauso angeschlagen und angezählt ist wie jeder andere. Hertha schafft einen halt, wenn man nicht genügend Resilienz hat. Nur erhalten die wenigsten dafür ein Jahresgehalt oberhalb von 3 Mio. €, auch das darf in der Gesamtbewertung des aktuellen Managers nicht außer acht gelassen werden, der ja nicht müde wird zu betonen, dass kein Geld da sei, ohne aber auch nur mit einer Silbe zu erwähnen, dass er und sein Staff Teil dieser Problematik sein könnten.

Bei dem Gehalt fällt es sicher leicht “ein gutes Gefühl” zu haben und ja, ich berücksichtige dabei, dass ein guter Teil davon eben auch Schmerzensgeld ist, für welches man eben auch die mit den eher mauen Ergebnissen verbundene Kritik erdulden muss. Aber die aktuelle Situation ist eben weit entfernt von “guter Truppe” oder eben eitel Sonnenschein, es ist eher nasstrüb-nieselig mit Sturmböen, wobei Herthas Sturm ja auch eher ein laues Lüftchen ist, welches es aufzufrischen gilt. Mit Selke ist man einen Topverdiener losgeworden, wer zukünftig die Tore schießen soll und wie derjenige in der Rückrunde mit Flanken gefüttert werden soll, bleibt ein offenes Geheimnis.

Noch ist ja Zeit, aber das Pfeifen im Wald wird schon vernehmbar, dass man keine Absicht hat, sonderlich große Anstrengungen zu unternehmen, höhere Ziele als nur den Klassenerhalt anzustreben. Ein Platz im Mittelfeld mit genügendem Abstand nach unten findet kommunikativ nicht statt, weder bei Bobic noch bei Bernstein, der eher die “vox populi” bespielt und die Wichtigkeit des Derbys betont, was zweifellos richtig wie falsch ist, denn auch in diesem Spiel gibt es nur 3 Punkte, die Emotionen eines Derbysiegs sind ausschließlich für die Galerie und fürs Gemüt, im Abstiegskampf sind es eben nur “points on the scorecard”, auf denen es nach der alten Golferweisheit eben “no pictures” gibt.

Das Theater um Kapitän (sic!) Plattenhardt hat man übrigens vergeblich mit mehreren “Bastas” zu beenden versucht. Erst rang sich Trainer Schwarz dazu durch, öffentlich zu betonen, dass das alles kein Problem sei, wenn der Kapitän (und Spieler mit einer der höchsten Fehlpassquoten) beim Üben von Spielzügen im Trainingslager fehlt, dann lässt Bobic verlautbaren, man werde den Vertrag nicht verlängern, habe aber gleichzeitig vollstes Vertrauen. Und als wäre das nicht schon schmierig genug, soll auch Plattenhardt als lame duck und offener Impfverweigerer weiter Kapitän und damit Führungsspieler und kommunikatives Aushängeschild der Mannschaft bleiben. Was kann Hertha auf einer Skala von 1-10 falsch machen? Antwort: Ja!

Plattenhardt war punktuell gut in seinen Jahren bei uns, auffällig häufig dann, wenn er fitnesstechnisch auf der Höhe war. Werner Leuthard hat ihn letzte Saison in wenigen Wochen fit bekommen, Platte lief zu alter Form auf, er schlug Flanken wie ein junger Gott und verwandelte unhaltbare Standards. Ein Plattenhardt in dieser Form wäre über jede Kritik erhaben, ein Plattenhardt in der Form davor und danach lässt eher die Frage aufkommen, welches mentale Problem dieser Spieler hat und weshalb es die Verantwortlichen im Verein nicht gelöst bekommen. Dass man sich nun trennt, mag folgerichtig sein, aber dass es dazu überhaupt kommt, ist eine Melange von Scherben, zu der jeder etwas beigetragen hat und wo man nicht so tun darf, als sei nichts geschehen.

Je lauter “Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen” gesagt wird, umso genauer sollte man bei Hertha hinschauen. Dieser Verein, der seit Jahrzehnten von den gerade Mächtigen geplündert zu werden scheint. Wo auf wundersame Art und Weise Millionen verschwinden oder sich negative Zahlen zu Bergen auftürmen, die in die Berliner Sumpflandschaft gar nicht so recht passen wollen. Die Spree mit ihrer negativen Strömung spült auch selten den Dreck weg, den der Vorgänger hinterlassen hat, meist schwappt der Unrat einem vor der Nase herum. Vermutlich ist nur das Stadion schuld. Und die Fans. Aber sicher nie die Bobics dieser Welt, vermutlich dürfte das auch das einzige Dementi sein, zu dem sich diese “Kaste” durchringen kann.

Dass DAZN sich währenddessen zu einer saftigen Preiserhöhung entschlossen hat, passt da beinahe etwas zu gut ins Bild. Für Herthaner heißt es zukünftig also: Noch mehr Geld für noch unattraktiveren und noch unerfolgreicheren Fußball. Dennoch schaffen es die wenigsten von uns auszusteigen und erdulden weiter die Marter wie einst der Heiland auf der Via Dolorosa. Die Dornenkrone als Zeichen des Herthafans wäre ein passendes Symbol, die Taube haben andere ja außerdem bereits verspeist. “Jeder nur ein Kreuz” schallte es von der Leinwand in “Life of brian” und als Herthaner hängt man “always look on the bright side of life” pfeifend am Kreuz, während sich die Jugend darum streitet, ob “Volksfront von Judäa” oder “judäische Volksfront”. Insofern ist Reisen dann doch hilfreich, wenn auch nur für den eigenen Standpunkt. Ich bleibe bissig.

HaHoHe, Euer Opa

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