(opa) Hertha hat nun 5 Pflichtspiele in Folge nicht mehr verloren, würde der Optimist sagen. Hertha hat die letzten 6 Spiele nicht gewonnen, würde der Pessimist sagen. Beide lägen von der Faktenlage her richtig und dennoch sitzen sie im selben Boot, welches dem Saisonziel, den Aufstieg in die 1. Liga zu schaffen, nicht näher kommt. Die Tabellensituation wirkt genauso eingefroren wie die Zuschauer, die am Sonntag bei eisigen Minusgraden dem Spektakel im Stadion beiwohnten. Nach oben geht nix, nach unten auch nicht. In der ersten Liga wäre das sehr bequem, in der 2. Liga ist das quasi eine Kapitulationserklärung. Dabei ging es doch so gut los. Hertha dominierte weite Teile der 1. Halbzeit und führte nach einer Viertelstunde verdient mit 2:0.
Die vorgenommenen Umstellungen griffen bis dahin, das Team presste ordentlich und Darmstadt fand keinen Weg, damit umzugehen, bis Hertha nach einer halben Stunde begann, das Ergebnis verwalten zu wollen und sich aufs Kontern zu verlegen. Dadurch lockte man den Gegner vor den eigenen Strafraum und kassierte folgerichtig noch vor der Pause den Anschlusstreffer, wenngleich der ohne Mithilfe von Herthas Klemens nie gefallen wäre, der einen Darmstädter an der Strafraumkante zum Stolpern, den Schiri zum Zeigen auf den Punkt und die bis dahin neben sich stehenden Darmstädter wieder ins Spiel zurück brachte.
Die kamen wie ausgewechselt aus der Kabine und drückten und drängelten auf den Ausgleich gegen ein Team von Hertha, welches irgendwo zwischen Schlafwagen und völlig von der Rolle wie Falschgeld über den Platz trabte und in der 62. Minute den Ausgleich kassierte. Von der Überlegenheit der ersten halben Stunde war nichts geblieben und als der Schiri im körperlich durchaus rustikalen Spiel in der 70. Minute Kownacki mit glatt rot vom Platz stellte, als dieser am Mittelkreis einen Konter unterband, indem er seinem Gegenspieler von hinten gegen den Unterschenkel trat, war das Spiel für die Blauweißen gelaufen.
Wenigstens konnte man bei Hertha in Unterzahl das Unentschieden noch über die Zeit retten und einen Punkt holen, der vielleicht noch wichtig sein könnte, sich dennoch anfühlte wie eine Niederlage. Das Ingamecoaching von Trainer Leitl fand diesmal übrigens ab Minute 74 statt, als er Schuler für Cuisance brachte, ein Wechsel, den man für die Situation nicht zwingend nachvollziehen können muss und der wenige Minuten später noch weniger verständlich wurde, als mit Winkler ein weiterer Mittelfeldspieler runter musste und mit Leistner durch einen zusätzlichen Innenverteidiger ersetzt wurde, als wolle man den Bus im Tor parken. Ohne Mittelfeld funktioniert aber weder Defensive noch Offensive.
Hertha befindet sich also wieder auf der Suche nach ihrer Balance. Man kann, wenn man will, den eigenen Ambitionen gerecht werden, das nutzt nur nichts, wenn das pro Spiel nur eine halbe Stunde abgerufen wird und ein Trainer tatenlos daneben steht, ratlos zu grübeln und in der Halbzeitpause Valium zu verteilen, während Kapitän Reese seiner Rolle als herausragender Spieler primär frisurentechnisch nachzukommen scheint, diesmal mit zwei Blitzableiterknuddeln, die aus dem während des Spiels immer wieder zurechtzurückenden Haarband herausragten. Überhaupt wirken einige Spieler bereits resigniert und mit den Gedanken woanders, vielleicht schon beim nächsten Club, zu dem man weiterziehen wird müssen, weil sich Hertha einen so teuren Kader für den Fall eines Nichtaufstiegs nicht wird leisten können.
Und selbst für den Fall eines Aufstiegs muss festgehalten werden, dass weite Teile des Kaders schlicht nicht erstligatauglich sind. Wer gestern das Spiel der Freiburger gegen Stuttgart gesehen hat, ahnt, was uns im Pokal gegen die Breisgauer droht. Die spielen mit einer gänzlich anderen Dynamik, mit einer atemberaubenden Präzision und einem deutlich höheren Tempo. Bus parken und bis zur 70. Minute grübeln und Zähneknirschen wird als Spielidee nicht reichen, weder gegen Freiburg noch gegen Elversberg, das nächste Ligaspiel.
Hertha müsste mittlerweile eine Siegesserie starten und auf das Straucheln der Konkurrenz hoffen, um den Rückstand nach oben noch aufzuholen, aus eigener Kraft dürfte nichts mehr gehen, Platz 4 dürfte das Maximum sein, was aus eigener Kraft noch zu holen ist. Das ist kein Defätismus, sondern Realität. Wie die Offiziellen damit umzugehen gedenken, haben sie ja schon angedeutet, als sie die Öffentlichkeit beruhigend wissen ließen, man könne auch in der zweiten Liga den Konsolidierungskurs fortsetzen und überleben.
Wie sie das erreichen wollen und welche Einschnitte damit verbunden sein werden, ist kaum zu erahnen, zumal da noch einige Damoklesschwerter über dem Verein hängen, denn neben einem bestenfalls auf Kante genähten und in Wahrheit über den eigenen Verhältnissen befindlichen Kader wird man irgendwann Ex-Manager Bobic auszahlen müssen und obendrein wird man Kapitän Reeses Rentenvertrag finanziell lösen müssen, denn weder wird man ihn in dieser Größenordnung weiterbeschäftigen können noch dürfte es Abnehmer geben, die dem “Heiland” einen Vertrag anbieten, der ihn motivieren dürfte, hier die Koffer zu packen.
Frostig ist also nicht nur die Stimmungslage, sondern auch die Perspektive und selbst das Wetter verspricht kaum Besserung, die “Russenpeitsche” hat Berlin fest im -10° C kalten Würgegriff, während die BVG streikt und Tausalz zwar erlaubt, aber nicht vorhanden ist, was bei den Rettungsdiensten und in den Krankenhäusern der Stadt für ungewollte Konjunktur sorgt. Vielleicht auch ein Sinnbild dieser Stadt, in der von den 5 größten Arbeitgebern vier in öffentlicher Hand sind und diese alle mit diesem Thema Nahverkehr oder Krankenhaus zu tun haben. Das ist im nationalen und internationalen Vergleich genau wie unsere Hertha nicht konkurrenzfähig. Und so ist Hertha irgendwie ungewollt eben doch typisch Berlin.
HaHoHe, Euer Opa