Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2026, Allgemein, Spieltagsnachlese

Heißes Herz, kühler Kopf?

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(opa) Der Auswärtssieg in Dresden am Karsamstag war eine emotionale Achterbahnfahrt und vielleicht war es ganz sinnvoll zu warten, bis aus den tobenden und wilden Stieren in der Arena zahme Ochsen geworden sind. Doch zunächst zum Sport: Aus dem Spiel, in dem es körperlich robust zuging, hatte Hertha lange Zeit Mühe, ein positives Ergebnis zu erzielen. Schlimmer noch, in der 66. Minute flog Brekalo mit rot vom Platz und Hertha musste so gut eine halbe Stunde in Unterzahl agieren und wenn in der 77. Minute der Elfer nicht verschossen worden wäre, wäre die Stimmung rund um Hertha eher weniger österlich ausgefallen. Und selbst das Siegtor war letztlich kein Produkt eines Herthaners und erinnerte an den Siegtreffer vor vielen Jahren bei einem langweiligen Spiel im Oly gegen Hoffenheim, welches man ohne einen einzigen eigenen Torschuss gewann.

Von daher hilft es ggf. zur Einordnung auch, diese mit kühlem Kopf vorzunehmen. Hertha hat sich die rechnerische Chance gewahrt, ins Aufstiegsrennen noch eingreifen zu können, wenn die Teams vor ihr straucheln sollten. Da kann man die angelsächsische Weisheit “There are no pictures on the scorecards” bemühen und der Meinung sein, dass man auch mal dreckig gewinnen müsse, man kann es aber auch so sehen, dass Hertha einfach wahnsinniges Glück hatte, dass das Spiel so endete und irgendwie keiner auf oder neben dem Platz sich dafür allzu sehr die Schultern polieren lassen sollte. Noch ist nichts erreicht und noch sind 6 Spiele zu spielen. Mindestens.

Dass es im Vorfeld von einem der Berater Reeses Signale gab, dass es Interessenten aus der Bundesliga gäbe, darf man entweder als Drohung sehen, dass Reese geht. Oder als Drohung, dass er bleibt. Das hängt vermutlich mehr von der eigenen Einstellung zu Herthas Kapitän ab, aber er versteht es offensichtlich, sich medial zu inszenieren. Auch wenn das der eigenen Mannschaft wenig bis gar nichts nützt, kann er sich bei einem Verbleib für seine vermeintliche Loyalität feiern lassen und falls doch das Angebot eingeht, zu dem er nicht nein sagen kann, kann er darauf verweisen, dass er ja rechtzeitig Bescheid gegeben habe.

Allerdings dürfte nicht nur Reese allein darüber entscheiden, ob er bleibt, denn Hertha steht bekanntermaßen finanziell mit dem Rücken zur Wand und wird es sich ggf. nicht leisten können, Spieler wie ihn auf der Payroll zu haben. Reese dürfte mit dem Beratertheater auch für diesen Fall vorgebaut haben, dass er ja loyal hätte sein wollen, wenn man ihn gelassen hätte. Verlierer ist in jedem Fall der Verein und die nicht wenigen Fans, die er in seiner Zeit bei Hertha für sich gewinnen konnte. Dennoch bleiben Restzweifel, dass er es hier zur Vereinsikone schaffen wird, wobei die Latte eigentlich nicht sonderlich hoch liegt, wenn man bedenkt, dass eine schlabberige Jogginghose, einfaches Aussitzen, bunte Haare, eine Berliner Kodderschnauze oder von etwas zu viel Bohnen angetriebene Freistoßtore zum Fürchten reichen, um hier so etwas wie Legendenstatus zu erreichen. Wobei Ronny am Ende der Aufstiegssaison deutlich mehr Scorerpunkte hatte als Reese vermutlich erreichen wird und bei dem auch niemand auf die Idee gekommen wäre, bei dessen Beurteilung auf die Scorerpunkte zu verweisen.

Egal, Reese polarisiert und hat durchaus ein gewisses “Nervpotential”, zumal einiges ja auch davon abhängen wird, welche Talente sich bei der WM hervortun. Es dürfte fraglich sein, ob ein Bundesligist bereit ist, für ihn einen Gehaltsaufschlag zu zahlen, der ihn hier weglockt. Und ob ausländische Vereine bereit sind, für einen 28jährigen ohne Erstligaerfahrung einen großen Vertrag mitsamt stattlicher Ablöse auszureichen, daran dürften auch leise Zweifel bestehen. Sollte der Fall eintreten, dass Hertha ihn loswerden muss, dürfte es nicht nur keine Ablöse geben, sondern eventuell auch eine Beteiligung an seinen Gehaltskosten fällig werden und Reese wäre dennoch für nicht wenige der “Heiland”, der zwar nicht auferstanden und schon gar nicht aufgestiegen ist. Vielleicht zieht es ihn ja zu Wolfsburg, wenn man dort zweitligaerfahrene Kicker sucht, die einen Wiederaufstieg ermöglichen. So könnte er auch in Berlin wohnen bleiben.

Doch noch steht er auf dem Platz und musste als Kapitän ein Team auf den Platz führen, der eine beeindruckende Kulisse bot. Wer schon einmal in Dresden im Stadion war, weiß, mit welcher Leidenschaft die Dynamofans dort ihre Mannschaft anfeuern und welche Wucht optisch wie akustisch vom K-Block ausgeht. Auch neben dem Platz sind die Fans des Teams aus Elbflorenz sagenumwoben und auch wenn sie wenige mögen, haben doch viele Respekt vor deren Aktionen, Choreos und Auswärtsauftritten. Es sei daran erinnert, dass Dresden es vor einigen Jahren schaffte, ein unangemeldetes Banner ins Oly zu bringen, welches vom Oberring bis in den Unterring ragte und Auftritte der Sachsen in Berlin häufig Auswärtsspielcharakter für die Blauweißen hatten.

Fahnen spielen in der Fankultur seit jeher eine bedeutende Rolle, das war schon vor den Ultras so und geht zurück auf eine lange Tradition. Schon Napoleon befahl seinen Truppen, die eigene Fahne zu verbrennen, falls diese drohte, in Feindeshand zu fallen. Und Kriegsmuseen der ganzen Welt sind voll mit Fahnen der unterlegenen Feinde. Nun mag Fußball kein Krieg sein, aber es ist eine moderne Fortsetzung und eine Art ritualisierter Krieg, man denke beispielsweise nur an Schlagzeilen der britischen Presse, wenn es bei EM oder WM gegen Deutschland geht. Da wird an Begriffen wie “Blitzkrieg” nicht gespart und so ist es auch kaum verwunderlich, dass Menschen, deren Lebensinhalt in der Unterstützung des eigenen Fußballvereins liegt, manchmal etwas andere Maßstäbe haben als ein neutraler Beobachter.

Der Verweis ist deshalb wichtig, weil man die Ereignisse, die zwischenzeitlich am Samstag für eine Spielunterbrechung gesorgt haben, nur schwer wird einordnen können. Mit Rationalität allein wird man da nicht sehr weit kommen. Auslöser war nach übereinstimmenden Berichten der Klau einer Fahne aus dem Herthablock durch einen Dresdner Fan, der sich als Ordner verkleidet Zutritt verschafft hatte und mit dem Auswärtsbanner der Dachorganisation der aktiven Fanszene entschwand, welches später dann im K-Block brennen sollte. Wer sich an dieser Stelle fragt, ob man deshalb nun so ausrasten müsste, liegt zwar durchaus richtig, blendet aber das eingangs erwähnte Selbstverständnis um die Bedeutung der Fahne aus.

Eine solche Situation entwickelt dann mit raschem Tempo eine Dynamik, die Außenstehenden nur schwer bus gar nicht vermittelbar ist. Die in den Innenraum eingedrungenen Fans beider Lager wollten das mit der Fahne unter sich ausmachen (wobei die dafür einen “Grund” ohnehin kaum brauchen dürften) und kurzzeitig bewarf man sich mit allem, was man eben greifen konnte, in erster Linie Plastikstangen, Getränke und eben ein paar Bengalos, die noch nicht zum Einsatz kamen. All das erzeugt Bilder, bei denen ich zwar verstehe, dass man sich empört und die geeignet sind, dass einige Angst haben, die aber erfahrene Auswärtsfahrer eher mit der Schulter zucken und so etwas wie “war doch nix” sagen lassen.

Das Procedere sowohl vom Schiri als auch von der “Rennleitung” ist hingegen durchaus professionell einzuordnen. Jablonsik hat die Teams in Sicherheit gebracht (die aber zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen sein dürften) und die sächsische Polizei hat die Lager rasch getrennt. Warum dann keine Festnahmen waren, dürfte ziemlich eindeutig einsatztaktischer Natur gewesen sein, dass man weitere Eskalationen und vor allem Solidarisierungseffekte verhindern wollte. So blieb es nach dem rettenden Sprung über den Zaun auf beiden Seiten eben auch weitgehend ruhig, das Spiel konnte nach der Unterbrechung fortgesetzt und zu Ende gebracht werden. Mit dem Rest wird sich der Kontrollausschuss und das Sportgericht auseinandersetzen müssen, die mit den üblichen Instrumenten wie Blocksperre oder Geisterspiel reagieren dürften.

So weit, so schlecht. Verletzt wurde nach bisher vorliegenden Informationen glücklicherweise übrigens niemand, der Schaden dürfte eher darin bestehen, dass einige als gemäßigt einzustufende Fans nun Angst haben könnten, zukünftig ins Stadion zu gehen, was absolut nachvollziehbar und gleichzeitig bedauerlich ist, denn Gewalt hat im und ums Stadion nichts zu suchen und es ist absolut inakzeptabel, wenn Bengalos fliegen oder sich gehauen wird. Da hilft es auch nichts, sich bewusst zu machen, dass Silvester am Hermannplatz früher deutlich (!) schlimmer war, auch wenn man mit einem Kind da auch nicht hingehen würde.

Fußball muss für alle sicher sein und es wäre wünschenswert, wenn die Kurven das hinbekämen. Über viele Jahre war es von vereinzelten Ausnahmen abgesehen in deutschen Stadien vergleichsweise ruhig, Auseinandersetzungen fanden eher auf den An- und Abfahrtwegen und nicht selten auch diskret im Rahmen von “Drittortauseinandersetzungen” verabredet statt, wo “Normalos” nicht betroffen waren und das Kind im Stadion keine Angst haben musste. Seit einigen Jahren hat sich jedoch ein Trend verstärkt, dass vieles wieder in und an den Stadien stattfindet, auch, weil man dem harten Kern der Fans Freiräume eingeräumt hat, die einer Art rechtsfreien Raum nahekommen. Wenn sich dann in den Kurven Machtverhältnisse verschieben, wird das zum Problem, über das irgendwie niemand sprechen will, weil das einer Art “Omerta” zu unterliegen scheint.

Und so ist zumindest seitens des Fußballs auch nicht zu erwarten, dass die Vereine, die ja nicht selten unter zumindest Teileinflüssen der aktiven Szenen stehen, genau nichts tun werden außer salbungsvolle Worte zu sprechen und vielleicht Symbolik zu betreiben, die praktisch darin bestehen dürfte, den Ordnungsdienst vor den Toiletten zu verstärken. Durchgreifen wird man nicht, auch weil sich niemand trauen wird, die eigenen Fans zu bestrafen. Und seitens des Verbands wird man eben das tun, was sportrechtlich zulässig ist und ansonsten auf die Politik verweisen. Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Dass die Innenministerkonferenz von Maßnahmenpaketen träumt, die orwellsche Züge haben, ist ja nun bekannt. Dort weiß man jedoch auch, dass nicht alles, was man dort beschließen wollen würde, auch umsetzbar ist. So ist die Personalisierung von Tickets unnütz, wenn man diese nicht kontrolliert. Schon heute ist es kaum möglich, in angemessener Zeit alle Zuschauer zu kontrollieren. Würden nun noch Personalien überprüft, müsste der Einlass vermutlich schon am Vortag beginnen. Nur zum Vergleich: Am BER sind 2025 rund 26 Millionen Fluggäste gewesen, das sind rund 71.232 pro Tag, für deren Kontrollen man aber 17 Stunden Zeit (6-23 Uhr) hat, für die der zuständige Dienstleister 1.800 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt. Klar kann die Politik den Vereinen so einen Kontrollumfang diktieren, faktisch wären Fußballspiele damit aber undurchführbar und unfinanzierbar.

Die Öffentlichkeit ist bekanntermaßen vergesslich und wankelmütig. Wenn ein Wal strandet, ein Krieg beginnt oder eine Prinzenhochzeit stattfindet, gerät das Sachthema Stadionsicherheit schnell wieder in den Hintergrund und alles geht seinen Gang wie bisher. Und spätestens, wenn der friedliche Familienvater mitsamt Anhang nicht mehr ins Stadion darf, weil er den Ausweis vergessen hat, wird der bei der nächsten Wahl dreimal überlegen, ob er bei der Partei des Amtsinhabers noch das Kreuz machen wird. Und in Deutschland kann man vieles machen, aber nicht das Tempolimit verhängen, kein Fleischverbot durchsetzen und ganz sicher nicht Veranstaltungen wie Fußball oder gar das Oktoberfest verbieten.

Und gerade bei letzterem wäre es durchaus angebracht, die eigene Empörung zu kalibrieren, 2025 gab es bei der Münchner Wiesn lt. ARD 236 Verletzte, 72 Sexualstraftaten und 2729 alkoholbedingte Notfalleinsätze. Das ist selbst in Relation zu den 6,5 Mio. Besuchern deutlich mehr als es beim Fußball gibt. Laut letzter amtlicher Polizeistatistik gehen die Verletztenzahlen bei Fußballzuschauern nämlich deutlich zurück (-17 %), 1.107 Verletzte gab es 2024/25 in den ersten drei Ligen incl. DFB Pokal bei 25,3 Mio. Zuschauern. Beim Oktoberfest herrscht also ein 20 % höheres Risiko verletzt zu werden als bei einem Fußballspiel. Das sind die Fakten aus den Polizeistatistiken.

Und nun stelle man sich vor, es würden Forderungen nach Maßkrugverbot, personalisierten Tickets oder gar das Verbot von Alkoholausschank oder Umlage der Einsatzkosten laut. Kein Politiker bei Verstand würde damit hausieren gehen, weil das politischer Selbstmord wäre. Beim Fußball wird das gefordert, aber auch nur deshalb, weil man genau weiß, dass in ein paar Wochen niemand mehr darüber redet und es auch eigentlich kein richtiges Problem gibt.

Es sei daran erinnert, dass die Politik die Kosten für Polizeieinsätze umlegen wollte. Nach aktueller Rechtslage und Urteil des Bundesverfassungsgerichts wäre dies legal. Und dennoch wird auf die Umlage in nahezu allen Bundesländern verzichtet, auch, weil man sich nicht im Verwaltungsrechtstreitkleinklein verheddern möchte und vor allem, weil die Politik dann den schwarzen Peter hätte und erklären müsste, warum die Eintrittskarten deutlich teurer geworden sind. Nach Schätzungen fallen rund 300 Mio. € Kosten für fußballbedingte Polizeieinsätze an, verteilt man dies auf die 25 Mio. Zuschauer, müsste jeder rund 12 € mehr bezahlen, ohne, dass es dafür mehr Sicherheit gibt, die ja laut Statistik zudem auch gar nicht in Gefahr ist.

Und so dürfte es auch diesmal so ausgehen, wenn die Empörung abgeklungen ist: Alle machen weiter wie bisher. Das mag für einige unbefriedigend sein, aber es dürfte die pragmatischste aller Lösungen sein.

HaHoHe, Euer Opa

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