Veröffentlicht am Kategorien 2. Bundesliga, 2026, Allgemein, Spieltagsnachlese

Die Rückkehr der Delle

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(opa) Hielt man sich bis zum Sonntag noch am Hoffnungsstrohhalm fest, nächste Saison wieder zumindest mal gegen erstklassige Gegner auflaufen zu können, dürfte seit Sonntag klar sein, dass Hertha weder etwas mit dem Aufstieg zu tun haben dürfte noch in der ersten Liga derzeit etwas zu suchen hätte. Das muss man angesichts 11 Punkten Rückstand bei noch 11 Spielen feststellen dürfen, ohne sich des Defätismus verdächtig zu machen. Das hat u.a. den Vorteil, dass man in Ruhe für die kommende Saison planen kann. Wesentliche Grundlage für die Zielstellung der kommenden Saison dürfte sein, was der Blick in die Kasse sagen wird. Doch dazu später mehr. Rein sportlich war der Auftritt in der ostwestfälischen Provinz aber nur als Offenbarungseid zu betrachten.

Trainer Leitl hatte kurzfristig auf 3er/5er Kette umgestellt. Was gegen Freiburg im Pokal recht passabel funktionierte, wohl auch, weil die Spieler dort auf “großer Bühne” Reserven abriefen, ging gegen aggressiv pressende Paderborner gründlich schief. Das Team von Leitl schien müde im Kopf und müde in den Beinen und man musste froh sein, in der ersten Hälfte nicht schon 5 Tore kassiert zu haben. Das System hatte dabei ähnlichen Anteil wie die Mentalität der Spieler, die am Sonntag offensichtlich beim Zöpfe flechten endete. Der während der ersten Halbzeit erschüttert wirkende Trainer wechselte zur Halbzeit folgerichtig. Allerdings nicht das System, sondern drei Spieler, was sehr an das Zitat von Albert Einstein erinnerte, wonach der Ausdruck von Wahnsinn sei, immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Und so spielte man in der zweiten Halbzeit eine Art Schadenbegrenzungsfußball, kassierte “nur” ein Tor weniger als in der ersten Halbzeit und hielt krampfhaft an einem System fest, was schon zu Saisonbeginn bewiesen hatte, dass das mit diesen Spielern nicht funktioniert, zumindest nicht, wenn sie nicht bereit zu sein scheinen, sich die Seele aus dem Leib zu rennen und selbst ins Pressing zu gehen. Nur darauf war das System gar nicht ausgelegt, man wollte auf dem Paderborner Kartoffelacker eher den Gastgebern das Spiel überlassen und selbst durch Konter glänzen. Nur dass es dafür fußballerischer Grundtugenden bedarf, die keiner der Herthaner an diesem Tag an selbigen legte.

Die Mannschaft ließ das Spiel eher über sich ergehen, so wie die meisten Fans daheim an den Fernsehern wohl auch. Im Stadion mag das eine andere Dynamik haben, aber es war schon irgendwie befremdlich zu beobachten, wie rund um das 5. Gegentor im Gästeblock “Hertha und der KSC” angestimmt wurde, als gäbe es irgendwas zu feiern. Klar dürfen die Fans auch einen gebrauchten Tag haben, aber wenn man sich nur noch auf die Rolle des Claqueurs reduziert, dürfte das kaum zur Motivation auf dem Platz beitragen.

Andererseits hat man genau aus diesem Dunstkreis maßgeblich zur Wahl der aktuellen Vereinsführung beigetragen und so gezeigt, welche Macht man ausübt. Macht geht allerdings auch immer mit Verantwortung einher und so trägt diese Entwicklung eben auch verantwortlich dazu bei, dass der Verein auch im 3. Jahr nach dem Abstieg trotz Rekordbudget nicht um den Aufstieg mitspielen kann. Konsequenzen wird es daraus daher wohl keine geben, alle scheinen es sich in einer Art “Komfortzone” gemütlich gemacht zu haben. Viele kennen das von zu Hause von ihrer Couch, wo sich eine Kuhle an der Stelle bildet, wo man am liebsten sitzt. Und irgendwann nicht mehr herausfindet.

Das kann man sich alles schönreden, garniert mit Attributen wie “familiär” oder “Tradition”, man kann sich gegenseitig ewige Treue schwüren, die ganz sicher auch dann noch besteht, wenn es noch tiefer geht. Aber das hat mit den Begriffen “Leistungssport” und “Professionalität” dann nichts mehr zu tun. Wer Herthas Dasein in den Profisport als Ausflug eines Amateurvereins feiert, scheint zu vergessen, wo Hertha herkommt und worauf Herthas Popularität in der Breite fußt. Das war nicht der Abstieg in die Oberliga in den 80ern, sondern die Zeit, wo man sich oben an und auf internationalen Plätzen befand, wo Legenden wie Ete Beer, Marcelinho oder Pantelic bei der alten Dame spielten und die Herzen berührten.

Konnte man dem diesjährigen Budget noch eine gewisse Bereitschaft entnehmen, ins Risiko gehen zu wollen und sich erneut einen der teuersten Kader der 2. Liga zu leisten, dürften die Aussichten für die kommende Spielzeit diesbezüglich eher trüb ausfallen. Die normative Kraft des Faktischen ist, dass es erneut weniger TV Geld geben wird, die Sponsoren sicher nicht Schlange stehen und die Hospitality bei weitem nicht die Summen abwirft, wie sie eine Liga drüber fließen würden. Man wird also mit weniger Geld auskommen müssen, Hertha wird “normalsterblich” wie Vereine, über die man sich vor einigen Jahren als Symbol für Zweitklassigkeit noch lustig machte und die einen heutzutage vom Platz fegen.

Wer mal durch Herthas Geschäftsstelle mit offenen Augen ging und gesehen hat, was da für Personal angestellt ist, um den Profis bestmögliche Arbeitsbedingungen zu schaffen, wird ahnen, dass an diesen Stellen eher der Rotstift angesetzt werden dürfte als an anderen Stellen. Gleichzeitig wird man den Fans tiefer in die Tasche greifen, sei es nun über Zwangsmitgliedschaften zum Erwerb von Kurventickets oder den bereits praktizierten Wegfall von Mitgliederrabatten bei Tickets oder Merchandise. Auch hier gibt es einen leicht ausrechenbaren “Break even” zwischen Mehreinnahmen pro Ticket bzw. Artikel einerseits und Mindereinnahmen durch Kaufzurückhaltung.

Die sportliche Entwicklung lädt jedenfalls nicht ein, bei spätwinterlichen Temperaturen einem Team im Stadion die Daumen zu drücken, welches den Aufstieg bereits abgeschenkt hat. Und so kann es sein, dass Hertha trotz erhöhter Preise weniger Erlöse haben wird. Was dann erneute Einsparungen bzw. weitere Preiserhöhungen nach sich ziehen wird. Hier kann sich ein “Loophole” entwickeln, was zu Zuschauerzahlen führen könnte, die in Richtung der dunklen 80er Jahre geht, wo zum Teil nur 5000 Zuschauer den Weg ins Oly fanden.

Ob sich daraus Konsequenzen für die Führungsetage ergeben? Das Präsidium sitzt fest im Sattel, auch, weil man es orchestriert bekommen hat, dass Onlineabstimmungen weiterhin nicht möglich sind. Dieses hat eine Geschäftsführung engagiert, die zwar waschen soll, aber offensichtlich nicht nass machen darf. Dr. Görlichs “brutale Lust” scheint sich jedenfalls nicht auf Profifußball zu beziehen, gleichzeitig hat er sich ja zum “System Hertha” (wie der “Berliner Weg” eigentlich heißen müsste) offen bekannt. Also darf er strukturell nur das ändern, was man ihm an Beinfreiheit zugesteht. Mag sein, dass er doch den Trainer feuern darf, das aber wohl nur, wenn gleichzeitig an anderer Stelle gespart wird.

So wird ein Aufbäumen des Teams eher der Tatsache geschuldet sein, dass sie sich neuen potentiellen Arbeitgebern attraktiv darstellen wollen. Die “Ich-AG-Elf” dieses Jahres wird nicht als Team funktionieren, nach dem abgeschenkten Saisonziel ohnehin nicht mehr. Bleiben werden die Spieler, für die es keine Abnehmer gibt bzw. die die letzten Cent aus ihren Verträgen werden rauspressen wollen. Und mit denen man sicher keinen Aufstieg wird einplanen können. Hertha sollte es sich auch angesichts des zwangsweise kleineren Budgets leichter machen, indem man den Umbruch so groß wie möglich gestaltet und sich auf Jahre in der zweiten Liga einrichtet.

Und da personelle Konsequenzen “unmodern” geworden sind, wird sich das Komfortzonen-Kommando im Zweifel mit weniger Geld begnügen, aber ansonsten in gegenseitiger Abhängigkeit weiter wursteln. Zur Moderation des in der kommenden Saison dann zu erwartenden Abstiegskampfes kann man ja auf genügend kommunikative Erfahrung im Friesenhaus zurückgreifen und auf Hebel verweisen, die man identifiziert haben will oder eben auf die Rückkehr der sportlichen Delle. Letztlich ist es auch egal, was kommuniziert wird, es ist am Ende alles nur ein Synonym für das Scheitern eines einstmals großen Vereins.

HaHoHe, Euer Opa

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