Veröffentlicht am Kategorien 1. Bundesliga, 2022, Allgemein, Spieltag

Hertha orthodox?

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(opa) Auch am orthodoxen Osterfest erlebten rund 55.000 Zuschauer die Auferstehung der vor wenigen Wochen noch bereits totgeglaubten Hertha. Obwohl der in Teilen der orthodoxen Kirche 1923 eingeführte orthodoxe “neujulianische” Kalender erheblich genauer ist als der bei uns gültige gregorianische Kalender, setzte er sich nicht durch, u.a. deshalb, weil er auch nie als bürgerlicher Kalender konzipiert worden war. Wohl auch, weil er zwar präziser ist, aber eben nicht perfekt, denn auch im orthodoxen Kalender weicht das Kalenderjahr um 2 Sekunden vom astronomischen Jahr ab (zum Vergleich: Im gregorianischen Kalender beträgt diese Abweichung immerhin 27 Sekunden). Praktisch macht das nur den Unterschied, dass die Schaltjahre erst im Jahr 2800 differieren werden.

Eher “orthodox” geht es auch in Teilen der Fanszene zu, die vor wenigen Wochen noch von den Spielern gefordert haben, sich der Trikots zu entledigen, weil diese es im Selbstverständnis nicht wert wären, diese zu tragen. Die Reaktion seit dem letzten Spiel ist, dass sich die Spieler nun nach dem Spiel nicht bei den Zuschauern bedanken kommen. Dass das unterschiedliche Reaktionen auslöst, konnten wir bereits gestern in den Kommentaren hier und in anderen Foren nachlesen. In dieser Sache gibt es sicher mehr als einen legitimen Standpunkt, auch hinsichtlich des Impacts auf die Spielweise der von Trainer Magath aufs Feld geschickten Mannschaft.

Diese fackelte in den ersten 5 Minuten ein Pressingfeuerwerk ab und trieb den Gegner in eine Situation, aus der er sich nicht lösen konnte. Die Folge war, dass auf eine Flanke von Plattenhardt (!) ausgerechnet der in den letzten Jahren vielgescholtene Davie Selke (!) ein wunderschönes Tor erzielte. Der Jubel darüber musste jedoch zurückgehalten werden, denn der Schiedsrichterassistent hatte zunächst eine Abseitsstellung angezeigt, die vom VAR jedoch nach quälend langen Minuten korrigiert wurde. Der Jubel war nur halb so verhalten wie es der Groll auf den Schiri gewesen wäre, wenn es keinen Videobeweis gäbe. Von wegen, der VAR ändert das Spiel nicht.

Die Herthaner fielen in der Folge zurück und verlegten sich auf die Verwaltung des Ergebnisses, was dem Trainer durchaus zu missfallen schien. Nun schaut Felix Magath selten glücklich aus, aber gestern konnte man in den Einblendungen während des Spiels schon herauslesen, dass er trotz Führung wirklich verärgert war. Es dauerte am Ende bis in die Nachspielzeit, dass Hertha den Sieg klar machte. Bevor Belfodil sehenswert die Stuttgarter Abwehr vor deren Tor austanzte und noch Zeit fand, sich den Torwart auszugucken und durch dessen Beine das Tor zu erzielen, gab es reichlich gefährliche Situationen der Stuttgarter, über deren Ausgleichstreffer man sich nicht hätte beschweren dürfen, weil man den Matchplan nach der frühen Führung verloren hatte.

Der DAZN Kommentator hatte übrigens in der Moderation gesagt, dass bei Hertha im Abstiegskampf primär “talentfreie Tugenden” gefragt seien. Wie vergiftet dieses Kompliment ist, wird einem erst bei längerem Nachdenken bewusst, doch sagt es eben sehr viel darüber aus, wenn man die aktuelle Saison und die Entwicklung des Vereins bewertet. Es mag sein, dass man gerade dabei ist, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, aber das sollte man nicht nur im richtigen Kontext betrachten, sondern daraus sollte man die richtigen Schlüsse ziehen. Herthas Situation ist nach dem Rekordinvestment von 374 Mio. € immer noch katastrophal, der Kader unrund zusammengestellt und eine Saison, in der man 3 Trainer braucht, kann unabhängig vom Ausgang nicht als Erfolg betrachtet werden, an den man anknüpfen sollte, es sei denn, man möchte unbedingt unter Beweis stellen, über wie große “talenfreie Tugenden” man in Management und Präsidium verfügt.

Währenddessen träumen einige schon davon, dass der aktuelle Trainer seine Arbeit fortsetzen möge. Kaderplanung mit einem Trainer Magath war jedoch selten vergnügungssteuerpflichtig und bereits andere Vereine sind an dessen zum Teil stur wirkenden Sammelwut zerbrochen. Magath mag für den Moment der richtige sein, aber daraus sollte man genau wie bei der Beurteilung des Managements nicht falsche Schlüsse ziehen oder versuchen, sich an der Asche der Vergangenheit wärmen zu wollen. Das wird nicht funktionieren.

Dazu gehört ja auch, dass die Kaderplanung für die kommende Saison alles andere als vorhersehbar ist. Es stehen immer noch viel zu teure Spieler unter Vertrag, die man nur unter erheblichen Einbußen in Sachen Mannschaftsgeist und Moral integrieren kann. Alderete, Herr Freitag, Lukebakio, Löwen, Dilrosun, Redan, Zeefuik, aber auch Eigengewächse wie Maier, Torunarigha, Ngankam müssen bei der Personalplanung irgendwie berücksichtigt werden. Zehn verliehene Spieler, die so viel kosten wie anderswo der ganze Kader verdient und von denen kaum einer die in ihn gesetzte Hoffnung erfüllt hat.

Insofern können die Traditionalisten unter den Herthafans beruhigt sein. Hertha wird auch in der kommenden Saison kaum in ruhiges Fahrwasser kommen, sondern eher den drölften Umbruch in Folge erleben. Der neue Trainer ist kaum darum zu beneiden, sich in dieses Haifischbecken zu begeben, welches ja nicht nur aus dem Spielerkollektiv besteht, sondern auch noch aus Fans, die ab und an mal beim Training vorbeischauen und neben Stufen auch andere Dinge zünden.

Für uns als Diskussionscommunity ist das aber nicht so schlecht, so bleibt es spannend. Und selbst einige derjenigen, die sich eine Pause verordnet hatten, tauchen ja auch nach Spielen wie gestern aus der Versenkung auf und können ihre Freude kaum verbergen. Hertha, es könnte so einfach sein. Aber dann wärst Du nicht unsere alte Dame, die wir wohl auch gerade wegen ihrer Schrulligkeit lieben. Wie die zu grell geschminkte Erbtante, der wir den Schönheitsfleck, den Damenbart, die Warze und den leicht galligen Atem verzeihen, weil wir doch etwas echtes für sie empfinden.

HaHoHe, Euer Opa

P.S.:

Meine TOP 5 Stars aus #BSCVFB waren

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