Veröffentlicht am Kategorien 1. Bundesliga, 2021, Allgemein, Spieltag, Trainingslager, Transfers

Reißwolf

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(opa) Der Wolf hat lt. diesem Essay über den Wolf in der Literatur in der Literatur seinen Namen aus dem indogermanischen uel „(an sich) reißen, rupfen“ und bedeutet demnach eigentlich „der Reißer“. Zerrissen dürften seit gestern auch all die Hoffnungen derer sein, die an einen halbwegs versöhnlichen Saisonauftakt glaubten. Mit der Gnadenlosigkeit eines Gartenhäckslers wurden sämtliche Zweige der Hoffnung auf Besserung in das Schneidwerk gewalzt und in handliche Häcksel zerschnitten, die auf dem Komposthaufen für luftiges Kompostgut sorgen.

Warum man im Zusammenhang mit dem gestrigen Auftritt von Tieren und Pflanzen sprechen kann, könnte damit zusammenhängen, dass das, was gestern von unserer Hertha auf dem Platz geboten wurde, mit Fußball eben auch nichts zu tun hatte. Zumindest nach den Augenzeugenberichten, die zwar nach dem Elfer noch euphorisch waren, aber deren Begeisterung dann eben in das o.g. Gartengerät geriet. Während ich selbst bei einer wunderbaren Hochzeit feiern war, müssen die rund 20.000 im Oly verlorenen Herthaner Qualen erlitten haben. Videoschnipsel des verwandelten Elfmeters erreichten mich auf dem Transfer von Kirche zur Feierlocation, danach nur noch Textnachrichten wie “mir wird schlecht” oder “Ick hab Hals”.

Während Goethe “Die Leiden des jungen Werther” schrieb, muss ich über die Leiden des alten Herthaners schreiben. Leiden, die oft nicht mal mehr mit Betäubung zu ertragen zu sein scheinen. Wo andere Fans empfindlich reagieren, ist der Altherthaner oft längst abgestumpft. Null Punkte nach 2 Spielen fühlt sich beinahe vertraut an. Achselzuckend und mit einer Portion Galgenhumor nimmt man die immer gleichen Stanzen zur Kenntnis, die von den Verantwortlichen ins Mikrofon gefaselt werden.

Wenn Dardai gestern die beste von vier Halbzeiten gesehen haben will, mag das ja stimmen, aber irgendwo im hochbezahlten Umfeld des Trainers sollte sich doch jemand finden lassen, der dem Trainer erklärt, dass ein Spiel eben aus mehr als einer Halbzeit besteht und Punkte nur nach dem Gesamtergebnis vergeben werden. Es ist ja auch nicht so, als habe es mit dieser Mannschaft keine Zeit gegeben, sich vorzubereiten, immerhin ist das die Truppe, mit der man in zwei Trainingslagern eine “perfekte” Vorbereitung hatte.

Selbst sportliche Hoffnungsträger wie Matheus Cunha sind derzeit zum Nichtstun verdammt und erinnern daran, wie gnadenlos Dardai Spieler trotz allem sportlichen Talents aussortiert und kalt stellt, wenn er den Eindruck hat, sie würden sich nicht voll reinhängen. Sandro Wagner oder Valentin Stocker könnten da sicher ausführliche Lieder anstimmen. Das mag für die Mentalität der Truppe für den Moment vielleicht wichtig sein, aber sportlich ist das Ergebnis derzeit eben rein brotlose Kunst in einem Umfeld, welches Fehler, auch die des Trainers, gnadenlos bestraft.

Das Faible des Trainers, mit gestandenen Spielern zu operieren, die mit Erfahrung glänzen, mag darauf zurückzuführen sein, dass junge Spieler mit weniger Erfahrung sich eben durchaus auch mal abkochen lassen. Dass man dann aber Woche für Woche Spieler aufstellt, die gefühlt nach dem Einlaufen schon mit ihrer Kondition am Ende sind, wirft dann doch Fragen auf. Während man einen Olympiasieger und Selecaooffensivmann wegen öffentlich kommunizierter mangelnder Laufbereitschaft draußen lässt, fragen sich immer mehr, was denn da gespielt wird, denn an Fußball erinnert es selten, an erfolgreichen Fußball fast nie.

Der Kredit, den Pal Dardai als loyale Identifikationsfigur hat, ist nicht endlos und wenn man nach dem Spiel gegen die Bayern nicht schnellstmöglich Punkte einfährt, dürfte es im Friesenhaus kokelig zu riechen beginnen. Denn das Problem lässt sich im Zweifel ja auch nicht mit dem Zukauf von ein, zwei Spielern beheben, sondern dürfte “strukturellerer” Natur sein. Vielleicht lässt Bobic das auch bewusst eskalieren, um anderen Gremien zu vergegenwärtigen, wie schlecht es um Hertha BSC im Jahr 2021 wirklich bestellt ist.

Der Manager dürfte jedenfalls im Moment noch mehr Kredit besitzen als der Trainer. Bobic hat weder mit den windigen Finanzgeschäften in der Zeit seiner Vorgänger zu tun noch mit den Entscheidungen, die man bei Hertha BSC traf, als das finanzielle Füllhorn über dem Verein niederging und in gefühlten Nullkommanix von einem kurzen Wintertransferphasenfeuerwerk unter Klinsmann überwiegend in schwarzen Löchern verschwand, auf die einige Unken immer vielgescholten hinwiesen. Hertha erinnert derzeit eher an Vereine wie den HSV oder Gelsenkirchen, nur noch unterschieden dadurch, dass man noch in der ersten Liga kickt und finanziell vielleicht noch nicht ganz so angeschlagen ist.

Von Investorenseite ist in absehbarer Zeit vermutlich nichts zu erwarten. Weder dürfte man ob der Entwicklung von dort bereit sein, Geld nachzuschießen noch dürfte Tennor dazu in der Lage sein. Dass Hertha mit mehrfach verschobener Verzögerung mit zugesagten Geldern bedient wurde, dürfte mehr mit der medialen Wahrnehmung eines Bundesligisten zu tun haben als dass es als Ausdruck geschäftlicher Seriosität des Zahlungspflichtigen gedeutet werden muss. Von daher ist es vielleicht auch richtig, dass Bobic da die schwäbische Hausfrau gibt und Transfers über Pannini-Bildertausch abwickeln möchte.

Denn Geld für große Sprünge dürfte auch dann nicht vorhanden sein, wenn man Cunha für 30+x Mio. € abgibt. Durch Corona fehlen Einnahmen in anderen Bereichen, allein die rund 30.000 weniger Zuschauer pro Spiel dürfte über die Saison auch einen Fehlbetrag in Millionenhöhe ausmachen. Und so dürften sich die Investoren, die bei Hertha 375 Mio. € versenkt haben, sich eben auch fühlen wie der Herthafan, nur dass bei denen halt die Geldscheine in den Reißwolf gerieten.

Zuletzt noch zwei Pflichtaufgaben nach der obigen Kür:

Meine 5 Stars bei #BSCWOB waren

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Für die Wahl des Spielers im Fokus, über den unser Malujeja die Tage schreiben wird, verändern wir leicht das Abstimmungsprocedere, um wirklich alle in Frage kommenden Personen zu berücksichtigen. Beginnen tun wir heute passend zum Tabellenplatz ganz hinten im Tor. Über welchen unserer Torhüter soll sich der Spieler im Fokus drehen? Stammkeeper Schwolow, der gestern in einer Situation nicht gut aussah? Der nach seiner Erkrankung angeschlagene Rune Jarstein? Oder das ewige Talent Nils-Jonathan Körber, von dem man im Funktionsteam immer noch nicht so richtig überzeugt zu sein scheint? Bis Dienstag um 10 Uhr bestimmt ihr:

Als Spieler im Fokus soll als nächstes geschrieben werden über...

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Bis dahin Euch ein schönes Restwochenende und einen tollen Start in die Woche. HaHoHe, Euer Opa

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