Veröffentlicht am Kategorien 1. Bundesliga, 2022, Allgemein, Spieler im Fokus, Spieltag, Transfers

Alles auf Schwarz?

301 Kommentare lesen

(opa) Der gestrige Tag wird mir noch lange zu denken geben. Ausnahmsweise hab ich gestern das Spiel nicht von meinem Stammplatz aus gesehen, sondern auf bequemen Comfortseats auf der Haupttribüne, vor mir saß der als “Jürgen Mohr” schreibende User und hinter mir saß niemand anderes als Pal Dardai mit seiner Monika, der gestern in Plauderlaune war. Da auch für ihn die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes gilt und ich mich nicht als “der Opa” geoutet hatte, der über das, was er bei Hertha erlebt, einen Blog schreibt, werde ich vom Gehörten nichts an die Öffentlichkeit dringen lassen. Pal hat jedenfalls seine eigene Sicht auf die Dinge, die derzeit bei Hertha stattfinden und analysierte zwischendurch durchaus nachvollziehbar, was alles derzeit schief läuft bei Hertha. Ein Ex-Spieler und Ex-Trainer zum Anfassen, denn seine Argumentation unterstrich er öfter mal mit einem kräftigen Tipper auf die Schulter.

Was ich unter diesem Kommentar an Spiel gesehen hab, war ein Herthateam, was einen Plan hatte und den genau wie in den Spielen zuvor umsetzte. Hoch pressen, Spiel in die gegnerische Hälfte verlegen und mutig nach vorn spielen, auch dann, wenn das zum x-ten mal schief geht. Dieser Spirit, dieser Funke springt derzeit auch auf das Publikum über und lässt das Team auch bei Rückstand nach vorn jubeln und anspornen. Dass am Ende dennoch eine Niederlage steht, darf dabei jedoch nicht ausgeblendet werden. Das Spiel hätte auch ganz anders ausgehen können, sowohl Hertha hatte Torchancen, aber auch Dortmund und die scheiterten gestern an den beiden über sich beinahe hinauswachsenden Spielern Christensen im Tor, der eine gute Raumbeherrschung hat und gute Reflexe auf der Linie sowie Marc Oliver Kempf, der gestern auf der für ihn ungewohnten RIV Position herausragte und einige Szenen entschärfte.

Und wo wir gerade bei der Defensive sind: Kenny lieferte eine solide Leistung ab, zeigt aber weiterhin nicht, dass er ein Upgrade zu Pekarik ist. Und Plattenhardt scheint unfit, unlustig oder beides zu sein, aber ihm fehlt Tempo, Präzision und offensichtlich auch Motivation, so wie er bisweilen über den Platz schlurfte und sich von den zugegebenermaßen pfeilschnellen Außen der Dortmunder überlaufen ließ. Tousart, Serdar und Boetius lieferten sich ein regelrechtes Festival an Fehlpässen, die ein ums andere mal zu gefährlichen Situationen vorm eigenen Strafraum führten. Boetius wirkt weiterhin unfit und ohne jegliche Bindung ans Team, Serdar spielt nun endlich zentral, aber nicht seine Stärken aus und Tousart ist wenigstens der am wenigsten schlechte gestern gewesen, der defensiv solide abräumte und den einen oder anderen Angriff nach vorn trieb.

Apropos Angriff, so variabel wie gestern habe ich Hertha in den letzten Jahren selten angreifen sehen. Sowohl zentral als auch über die Flügel liefen Angriffe, man schafft es immer wieder, gefährliche Situationen zu schaffen, bestraft sich aber selbst mit schlampigen Pässen und Abschlüssen. Lukebakio und Ejuke wirbeln ordentlich über die Außen, schaffen es im letzten Moment aber nicht, den Ball ordentlich zum Mitspieler oder aufs Tor zu kriegen. Kanga war gestern ziemlich arm dran und musste entweder als Turm vorn drin die Bälle festmachen und wieder auf außen verteilen oder bekam “Pässe” hüfthoch in den Rücken. Und so steht Hertha nicht ganz zu Unrecht mit zwei eigenen Toren am Ende der Tabelle, obwohl sich die Spiele nicht so schlecht anfühlen, wie es der Blick auf die Tabelle erscheinen lässt.

Dass zur Krönung Schiedsrichter Stieler eine merkwürdige, aber wenigstens konsequente Linie gegen Hertha pfiff, war gestern nicht spielentscheidend, aber dennoch bemerkenswert. Was er zum Teil an wirklich rüden und offensichtlichen Fouls von den Dortmunder Spielern durchgehen ließ, die er bei Herthaspielern konsequent pfiff, war schon erstaunlich. Stieler war gestern mit Abstand einer der schlechtesten auf dem Platz, auch wenn ihm die Niederlage nicht anzukreiden ist. Wobei ein so pfeifender Schiri die entscheidenden Prozent im Kopf vernichten kann, die es im Zweifel braucht, um das Quäntchen besser zu sein als der Gegenspieler.

Und Prozente im Kopf könnte es eben auch kosten, nach 5 Pflichtspielen immer noch ohne Sieg dazustehen. Die derzeitige Spielweise kostet Kraft und fordert Laufbereitschaft. Wenn man zum drölften mal erfolglos einen Sprint hingelegt hat, weil der Mitspieler seinen Pass mal wieder in des Gegners Fuß statt in den eigenen Lauf gespielt hat, ruft man beim Sprint danach vielleicht nicht mehr die Extrameile ab. Und genauso umgekehrt, wenn man als Passgeber dahin passt, wo man es im Training abgesprochen hatte und der Mitspieler ganz woanders hin läuft, fehlt es vielleicht dann am letzten Prozentpunkt Präzision, weil es egal ist, wo genau der Ball ins Aus trudelt.

Erfolglosigkeit kann die ganzen Sollbruchstellen, die in einem zwischenmenschlichen Konglomerat wie einem Fußballteam naturgemäß vorhanden sind, ordentlich beanspruchen und am Ende dafür sorgen, dass man aus dem Ergebnisloch nicht mehr herauskommt. Doch was ist die Alternative? Trainer Schwarz ist um seine jedenfalls kaum zu beneiden. Gut, er könnte Herrn Freitag statt Selke einwechseln, aber ob das gestern den entscheidenden Unterschied ausgemacht hätte? Oder vielleicht lieber einen Jungen Spieler bringen statt Boateng, der nach 5 Minuten schon 6 Fouls begangen hatte und bereits ordentlich pumpte? Aber hätte das das Ruder herumgerissen? Das bleibt alles Spekulation, genau wie wenn der erfreulicherweise wieder genesene Richter kurz nach seiner Einwechslung statt der Latte das Tor getroffen hätte.

Am Ende waren beide Teams ziemlich ausgepumpt, mit dem Schlusspfiff lagen sich die Dortmunder Spieler nicht in den Armen, sondern sanken als erstes zu Boden, so sehr hatte sie die Spielweise der tapferen Herthaner gefordert, die trotz der Niederlage Applaus vom Publikum erhielten. Noch hält der Burgfrieden, aber wie lange noch? Nächsten Sonntag geht es nach Augsburg, spätestens da ist der erste Pflichtsieg fällig und es würde diesem Team so gut tun, könnte ihm so viel Selbstvertrauen geben, dass Hertha es mit dieser Spielweise doch noch in die obere Tabellenhälfte schafft. Ein Wunsch, der uns wohl alle eint, aber an den wohl längst nicht mehr alle glauben.

Nun ist Fußball aber keine Glaubensfrage und selbst wenn es in Augsburg nicht klappen sollte, sollte man Trainer Schwarz Kredit geben, denn die taktischen Ansätze scheinen richtig, die Spieler setzen das diszipliniert auf dem Platz um. Dass es im Abschluss an Fortune oder Geschick mangelt, ist am Ende nur bedingt dem Trainerteam anzukreiden und sollte eher Fragen aufwerfen, ob der Manager mit seinen zahlreichen Funktionsträgern da wirklich ein optimales Team für Hertha auf die Beine gestellt hat und sein Handeln wirkt nach außen bisweilen schon mehr wie das eines Pokerspieler, der mal blufft und mal zockt in der Hoffnung, doch noch den Jackpot zu knacken, weil nur das die aufgehäuften Schulden (wenn es auch die des Vorgängers sind) eliminieren würde.

Den einen oder anderen dürfte das an Symptome einer Spielsucht erinnern, andere wiederum halten das im positiven Sinne für “abgezockt”, was dafür sorgt, dass uns der Diskussionsstoff nicht ausgehen dürfte. Einzig vom Image des “Perlentauchers”, welches sich Bobic in Frankfurt aufgebaut hat, darf man sich getrost verabschieden, die bisher getauchten Perlen sind doch eher kein Perlmutt, sondern eher Synthetik wie Zähne, Implantate und Haarextensions der Spielerfrauen, die gestern um mich herum saßen und ihre neueste Handtaschenbeute präsentierten. So bequem der gepolsterte Sitz mitsamt Armlehne gestern auch war und so interessant auch Pals Sichtweise ungefiltert erklärt zu bekommen, mein Fußballerlebnisbedarf ist dann doch ein anderer und sicher nicht davon abhängig, in welcher Liga oder welchem Stadion Hertha spielt und wie viele Millionäre nun über den Platz schlurfen. Es scheint ohnehin ungesund viel Geld in diesem Spiel zu sein.

Und so fordert der Fußballgott von uns Herthanern mal wieder etwas Geduld, eine Eigenschaft, die gerade der Berliner nicht so hat, der ja sonst auch das Tempo seiner Stadt darüber definiert, dass er zu einer U-Bahn rennt, obwohl in drei Minuten die nächste fährt. Das wird allerdings auch nicht besser, wenn man sich drüber beklagt.

HaHoHe, Euer Opa

301 Comments
neueste
älteste
Inline Feedbacks
View all comments